Stand: 15.10.2019 09:27 Uhr

Buchpreis-Roman "Herkunft" von Saša Stanišić

Herkunft
von Saša Stanišić
Vorgestellt von Daniel Kaiser

Am Montagabend wurde Saša Stanišić "Herkunft" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. In dem Buch geht es um die viel diskutierte Frage, die manche Menschen mit Migrationshintergrund erzürnt: "Woher kommst Du?". Der im ehemaligen Jugoslawien geborene Saša Stanišić beantwortet diese Frage mit seiner eigenen Familiengeschichte und erzählt in einer Mischung aus Autobiographie und Roman, was Geburtsorte, Sprache und Familie für das Leben bedeuten.

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"Herkunft": Auch Saša Stanišićs Geschichte

Kulturjournal -

"Herkunft" ist der neue Roman des Hamburger Schriftstellers Saša Stanišić. Er erzählt anhand seiner Familiengeschichte, was Geburtsorte, Sprache und Familie für das Leben bedeuten.

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Es ist alles wieder da: Dieser besondere Stanišić-Ton, der feine Humor und die Lust am Klang der Worte.

"Meine Großmutter besaß ein Nudelholz, mit dem sie mir Prügel androhte. Es kam nicht dazu, ich habe aber bis heute ein reserviertes Verhältnis zu Nudelhölzern und indirekt auch zu Teigwaren." Leseprobe

"Herkunft" ist ein Wiedersehen mit dem skurrilen, liebenswerten Menschenschlag vom Balkan, den man schon aus Stanišićs erstem Buch "Wie der Soldat das Grammofon repariert" kennt: Ein Flößer, der nicht schwimmen kann, oder eine Großtante, die Kosmonautin werden will. Mit kräftigen Farben malt Stanišić seine Ahnengalerie und die eigene Geschichte, aber nicht mit einem Behördenbleistift, sondern mit einem buschigen Pinsel. "Der malt nicht wahrheitsgetreu", lacht Stanišić. "Die Farben und die Zeiten sind verwischt."

Mit Saša Stanišić abheben und losfliegen

Stanišić erzählt von seiner Kindheit in Višegrad, von letzten, rauschhaften Fußballspielen im Frieden, bevor Krieg und Nationalismus die Familie zwingen, nach Deutschland zu fliehen. So genau und unterhaltsam beobachtet er seine Kumpel vom Parkplatz der Aral-Tankstelle in Heidelberg, als er dort in den 90er-Jahren als Teenager lebt. In der Anekdote, in der witzigen Beobachtung, in der kleinen Situation, der Begebenheit blüht der Text auf. Man taucht tief in diese Stanišić -Momente ein. Es sind die einfachen Sätze, die plötzlich abheben und losfliegen.

"Die Schlange sieht von ihrem Baum auf mich herab und aus meiner Kindheit in mich in ein. Schon bin ich 30 Jahre jünger. Ein Junge in Višegrad. Es ist ein Sommer vor dem Krieg in den unruhig träumenden Achtzigern. Vater und Mutter tanzen." Leseprobe

Bei Stanišić werden dann aus kleinen Giftschlangen im bosnischen Dorf riesengroße Drachen.

"Herkunft" hat eine Mission

Der 41-Jährige erzählt seine Geschichte und die seiner von Krieg und Flucht zerrissenen Familie sehr persönlich, sehr verletzlich, manchmal seicht, aber auch mit vielen programmatischen Sätzen, die eher nach Essay klingen.

"Herkunft sind die süß-bitteren Zufälle, die uns hierhin dorthin getragen haben. Sie ist Zugehörigkeit, zu der man nichts beigesteuert hat." Leseprobe

Ganz klar: Dieses Buch hat eine Mission, die manchmal ein bisschen aufdringlich ist. Man spürt, dass Stanišić unbedingt das Buch der Stunde schreiben und eine Antwort auf die Frage "Woher kommst Du - also 'eigentlich'?" geben wollte, wenn er etwa empört plötzlich und unerwartet die Tweets von einem FDP-Politker zitiert.

Saša Stanišić © imago/STAR-MEDIA

"Herkunft" von Saša Stanišić - NDR Buch des Monats

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Stanišić lässt Leser sein eigenes Finale wählen

Auf der Suche nach seiner Herkunft trifft Stanišić seine betagte, demente Großmutter, die noch in Bosnien lebt, und führt mit ihr lange Gespräche. "Ich habe nach ihren Erinnerungen gesucht, gleichzeitig hat sie ihre Erinnerungen verloren. Und in der Schnittmenge kamen dann die Fiktionen von uns beiden dazu. Es war so, als würden wir uns in einem ausgedachten Universum noch einmal kennenlernen", erzählt der Wahl-Hamburger. Der Clou: Der Leser kann am Ende selbst entscheiden, wie das Buch ausgeht. Je nachdem, welchen Weg man einschlagen will, liest man weiter, folgt den Anweisungen und Seitenzahlen. Soll man der dementen Großmutter sagen, dass ihr Mann, nach dem sie fragt, schon lange tot ist? Oder soll man sich als er ausgeben? Die Idee dazu bekam Stanišić aus der Fantasy-Literatur. Und so blättert man hin und her. Verspielt ist das. Auch mühsam. Und ein bisschen lang.

Saša Stanišić: Würdiger Träger des Deutschen Buchpreises

Als Stanišić diese letzten Kapitel in Hamburg schreibt, ist seine reale Großmutter gerade gestorben. "Obwohl sie in Wirklichkeit schon tot ist, muss ich die Figur am Leben halten, weil wir noch einen phantastischen Showdown haben, den wir noch zusammen erleben müssen." Und so ist "Herkunft" auch eine Liebeserklärung an die Phantasie und ans Geschichtenerzählen, das mehr als ein Zeitvertreib ist, sondern so viel wert sein kann wie das Leben selbst.

Herkunft

von
Seitenzahl:
360 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87473-9
Preis:
22,00 €

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