Buchcover: Mareike Krügel: "Schwester" © Piper Verlag

Zwischen Tragik und Komik: Mareike Krügels Roman "Schwester"

Stand: 21.04.2021 12:56 Uhr

Lebe ich das Leben, das ich mir gewünscht habe? Diese Frage stand schon im Mittelpunkt des letzten Romans von Mareike Krügel, "Sieh mich an". Und auch in "Schwester" geht es um Lebensentwürfe.

von Katja Weise

Eigentlich ist Julia glücklich verheiratet. Eigentlich. Doch immer seltener gelingt es ihr, sich in ihrer Rolle als Ehefrau eines Pastors in einer kleinen Gemeinde in Schleswig-Holstein wohlzufühlen. Allein die Gottesdienste, für die Bankkauffrau eine Tortur!

"Bevor Julia zum Gottesdienst ging, wusch sie sich die Haare. Pastorenfrauen saßen in der ersten Reihe, viele Menschen starrten ihnen auf den Hinterkopf, und ihrer sah jedenfalls nur mit frisch gewaschenem Haar wirklich ordentlich aus."

Während Niels predigt, fahren die Gedanken in ihrem Kopf Achterbahn. Julia kommt selten zur Ruhe. Wenn der Pastor dann nach dem Gottesdienst von einer Damentraube umgeben ist, macht sie sich davon. Allzu oft wurde ihr schon nachgesagt, sich nicht standesgemäß zu verhalten. Jetzt telefoniert sie mit ihrem Vater, und dieses Telefonat stellt ihr Leben auf den Kopf: Ihre ältere Schwester, Lone, liegt nach einem schweren Unfall im Koma.

Ein Soundtrack als roter Faden

Seit ihrer Kindheit verbindet die Schwestern die Musik von Simon and Garfunkel. "Homeward Bound" ist das erste Lied, das sie gemeinsam singen, zur Gitarre, in Lones Zimmer, nachdem sie erfahren haben, dass Lones Mutter, Julias Stiefmutter schwanger ist. Beide fühlen sich verloren, zwei Kinder, "die man in die gleiche Familie gesteckt hat". Als Julia nach dem Unfall in Lones Haus kommt, um nach dem Rechten zu sehen, den Anrufbeantworter neu zu besprechen - ihre Schwester arbeitet freiberuflich als Hebamme - liegt die Hülle der CD mit dem berühmten Central Park-Konzert neben der Stereoanlage.

Die Songs nutzt Mareike Krügel als Soundtrack und roten Faden für ihren Roman. Fast jedes Kapitel ist mit einem anderen Titel überschrieben: "America", "Wake Up Little Susie", "Mrs. Robinson", die übrigen mit Frauennamen. Denn Julia beginnt, die Frauen, die ihre Schwester versorgt, zu besuchen.

Immer tiefer taucht Julia so in Lones Leben ein, während sich die Beziehung zu ihrem Mann merklich abkühlt. Als Pastor scheint er immer alles besser zu wissen als sie.

"Er gab sich immer solche Mühe. Ein besserer Mensch als sie würde das mehr zu schätzen wissen. Früher war das alles irgendwie einfacher gewesen."

Zentrale Themen: Selbstbestimmung und Selbsterkenntnis

Es sind viele Themen, die Mareike Krügel in ihrem Roman anschneidet, im Zentrum stehen Selbstbestimmung und Selbsterkenntnis. Die Familie spielt eine wichtige Rolle, Frauenbilder. Julia und Lone sind beide verloren, jede auf ihre Weise. Niels erklärt seiner Frau:

"Du suchst nach einem Ort, an dem alles seinen Platz hat, sodass man selbst dann, wenn jemand etwas durcheinanderbringt, hinterher einfach wieder aufräumen könnte."

Julia findet einen Weg. Die Begegnungen mit den Frauen, die sie versorgt, weil Lone es nicht kann, helfen ihr dabei. "Schwestern" wäre deshalb auch ein denkbarer Titel für diesen Roman gewesen. Mareike Krügel schreibt flott und eindringlich: In ihren amüsanten Karikaturen, des pastoralen Landlebens oder der Gepflogenheiten in der Bank, schießt sie manchmal etwas über das Ziel hinaus und überraschend kommt das Ende nicht. Doch kann das auch Geschmackssache sein, denn insgesamt hält Krügel die Balance zwischen Tragik und Komik, erzählt eine sehr traurige Geschichte fast leicht und mit viel Sinn für groteske Situationen.

Wenn Sie literaturbegeistert sind: "Land in Sicht. Bücher zum Leben" heißt der neue Literatur-Podcast von NDR Kultur - zu finden auch in der ARD-Audiothek.

Schwester

von Mareike Krügel
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper Verlag
Bestellnummer:
978-3-492-05856-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.04.2021 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Lärz: Festivalbesucher stehen auf einem alten Flugzeughangar neben einer beleuchteten Fusion-Rakete auf dem Gelände des Fusion-Festival 2019 für ein Erinnerungsfoto zusammen. © dpa-Bildfunk Foto: Christian Charisius

Fusion Festival abgesagt - Veranstalter kritisiert Politik

Bis zuletzt hatte der Veranstalter gehofft, das Festival mit einem umfangreichen Testkonzept möglich zu machen. mehr