Stand: 16.04.2020 16:53 Uhr

Zwei neue Bücher über den Dichter Paul Celan

von Alexander Solloch

Vor 50 Jahren ging ein Mann in die Seine und ertrank. Er setzte seinem Leben ein Ende, das geprägt war von der Erschütterung durch den Mordwahn, mit dem die Deutschen drei Jahrzehnte zuvor Europa überzogen hatten. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" - das ist der wohl bekannteste Vers dieses Mannes, die "Todesfuge" sein bekanntestes Gedicht: Paul Celan. Der Jude aus der Bukowina hatte den Holocaust überlebt, seine Eltern wurden ermordet.

Wer war Paul Celan, was machte seine Dichtung so groß? Zu seinem 50. Todestag und - zugleich - zu seinem 100. Geburtstag im Herbst sind einige neue Bücher erschienen: "Nahe Fremde" von Wolfgang Emmerich und "Celans Zerrissenheit" von Helmut Böttiger.

"Celans Zerrissenheit" von Helmut Böttiger

Helmut Böttiger: "Celans Zerrissenheit" (Buchcover) © Galiani Berlin
Das Buch von Helmut Böttiger ist bei Galiani-Berlin erschienen, umfasst 208 Seiten und kostet 20,00 Euro.

Diese eigentliche Selbstverständlichkeit dröhnt doch wie ein Paukenschlag: "Paul Celan war ein Dichter und kein Heiliger", wie Böttiger sagt.

Das will doppelt begründet werden: Wie denn, keine überirdische Figur soll es gewesen sein, die der deutschen Literatur die "Todesfuge" schenkte, den Deutschen Entlastung durch gefühlvolles Mitleiden beim Gedichtgenuss und der Lyrik eine Möglichkeit, das, was sprachlos macht, doch zur Sprache zu bringen?

Andererseits: Was macht es überhaupt erforderlich, einem Dichter gleich im ersten Satz einer gelehrten Studie den Heiligenschein zu nehmen? Wie war man denn bloß darauf gekommen, ihn gleichsam heilig zu sprechen?

Eine wegweisende Biografie

Radiotipp
Der Lyriker Paul Celan steht mit seiner Frau Gisèle Lestrange vor einem Bild der Grafikerin © picture alliance/Imagno

Ein Gehetzter, ein Zerissener. Ein Dichter

Paul Celan, Dichter der "Todesfuge", nahm sich vor 50 Jahren das Leben. Eine Sendung über die Widersprüche des großen Poeten - mit seltenen Tondokumenten. mehr

Dem Literaturkritiker Helmut Böttiger, der schon in der Vergangenheit einige wegweisende Bücher über Celan geschrieben hat, gelingt es, mit Witz und Verve, mit Präzision und der Kunst der Verdichtung alle Fragen zu beantworten.

Man wusste von seiner Biografie fast nichts. Man wusste, dass seine Eltern von den Nazis, von den Schergen der Nazis, ermordet worden waren, und man wusste, dass er im Exil in Paris lebte als deutschsprachiger Jude. Von daher konnte Celan gelesen werden als einer, der keine Biografie hat, der keine Geschichte hat, sondern er ist das Symbol für den Massenmord der Nazis an den Juden und wurde so als jüdischer Heiliger auratisiert. Die Faszination seiner Gedichte, seines lyrischen Werks hat eben sehr viel auch mit diesen Widersprüchen in seiner Person zu tun, und er ist nicht der Heilige, der Märtyrer, als den man ihn gern wahrnimmt, um als Deutscher sein Gewissen zu beruhigen. Leseprobe Böttiger

Persönlichkeit mit vielen Widersprüchen

Glänzend arbeitet Böttiger die Widersprüche dieses Zerrissenen heraus: Wie Celan mit der "Todesfuge" eines der ergreifendsten Gedichte deutscher Sprache schuf - und doch, im Laufe der Jahre, von ihm Abstand nahm, als er merkte, dass es "lesebuchreif gedroschen" und von seinem konkreten Anlass losgelöst worden war.

Wie Celan, mit Schmähungen nicht sparsam, Freunde von sich stieß, die ihm Verbündete im Kampf um ehrliche, schonungslose Erinnerung hätten sein können (Heinrich Böll zum Beispiel). Andererseits sich faszinieren ließ von Antisemiten, Ernst Jünger etwa und Martin Heidegger, teils sogar intensiv die Nähe zu solchen Leuten suchte.

Schließlich: Wie Celan stilisiert wurde zum traurigen Überlebenden. "Die Leute erschrecken immer, wenn ich lache", sagte er.

Es gibt etliche Zeugnisse, dass er sehr bezwingend sein konnte. Er hat auch gern mal am fortgeschrittenen Abend russische Revolutionslieder gesungen, er hat getanzt. Es gibt eine schöne Schilderung von Friedrich Dürrenmatt, was für ein 'bärenstarker Typ' Celan ist, der Rotwein um Rotwein trinkt und ihn dabei von der Tischtennisplatte fegt. Er war ein Dichter, der versucht hat, die geschichtliche Katastrophe, die Barbarei durch die Nazis in Worte zu fassen, aber er war gleichzeitig auch ein Mensch, der leben wollte. Er wollte sich auf keinen Fall auf diese Rolle des jüdischen Opfers festlegen lassen. Leseprobe Böttiger

"Nahe Fremde" von Wolfgang Emmerich

Wolfgang Emmerich: "Nahe Fremde" (Cover) © Wallstein Verlag
Emmerichs Buch ist im Wallstein Verlag erschienen, hat 400 Seiten und kostet 24,00 Euro.

Doppelt so lang, weniger pointiert, aber ebenfalls auf beglückende Weise gelungen ist die Studie des Bremer Literaturwissenschaftlers Wolfgang Emmerich über das immer bis aufs Äußerste angespannte Verhältnis Celans zu den Deutschen, speziell zum nachkriegsdeutschen Literaturbetrieb.

Anziehung und Abstoßung, gescheiterte Freundschaften, Bitternis und Unverständnis: Emmerich, der all das genau nachzeichnet, gibt in die akribische Forschungsarbeit immer auch wieder ein Körnchen Schmerz hinein und ein Gran Glück über dieses Leben, das der Dichter so jäh beendete:

Der Tod kommt nicht an gegen das, was in bedeutenden menschlichen Zeugnissen niedergelegt ist über die Taten und Leiden der Menschen, für eine unbestimmt lange Zeit. Paul Celans Gedichte gehören dazu. Leseprobe Emmerich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.04.2020 | 12:40 Uhr

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