Stand: 18.10.2018 16:00 Uhr

Zwischen Orient und Okzident

Unruhe
von Zülfü Livaneli, aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Vorgestellt von Jan Ehlert
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Zülfü Livaneli ist Sänger, Moderator, Buchautor und in der Türkei ein Star.

In der Türkei stehen Zülfü Livanelis Lieder und Bücher regelmäßig in den Charts oder auf den Bestsellerlisten. Zurzeit ist Zülfü Livaneli in Deutschland auf Lesereise, um seinen neuen Roman vorzustellen: "Unruhe" heißt er.

Gegensätzliche Kulturen

Die Türkei, ein Land zwischen zwei Kulturen. Auf der einen, der europäischen, Seite das westlich geprägte Istanbul, auf der anderen die jahrhundertealte osmanische Geschichte. Es sind diese zwei Seelen in der Brust, das Schwanken zwischen Orient und Okzident, das schon Goethe in seinem "West-östlichen Diwan" beschrieb und das die Figuren in den Romanen des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk umtreibt. Und auch Ibrahim, der Protagonist in Zülfü Livanelis neuem Roman, merkt, dass er beide Seiten in sich vereint - auch wenn er lange versucht hat, die osmanische Seite zu verdrängen.

Vor dem Einschlafen gingen mir Verse von Nazim Hikmet durch den Kopf: "Ich komme aus dem Orient / und schreie seinen Aufstand hinaus." Ich bin ein Orientale, dachte ich, der seine langjährige westliche Erziehung, sein ganzes Streben nach einem europäischen, einem amerikanischen Lebensstil, einfach wegwirft wie eine löchrige Socke. Ich bin ein Orientale, habe das Wasser des Orients getrunken und komme aus einer Welt der Märchen, so sagte ich es mir tagelang vor. Hätte ich mich doch bloß nicht so sehr von mir selbst entfremdet, hätte ich doch nicht Jahre darauf verschwendet, mich in einen Westler zu verwandeln. Leseprobe

Auf Besuch in der alten Heimat

Ausgelöst werden diese Gedanken von einer Reise in die Vergangenheit. Ibrahims guter Freund Hüseyin ist ermordet worden. So fährt Ibrahim wieder nach Mardin, einer Stadt in Mesopotamien, nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Hier ist Ibrahim groß geworden, in einer Welt, in der nicht die Wissenschaft, sondern der Aberglaube die Menschen fest im Griff hat - das merkt Ibrahim, als er die Mutter seines toten Freundes besucht.

Wie ein eiskalter Wind, der einem ins Gesicht schlägt, wenn man das Fenster aufmacht, wird mir da auf einmal klar, was mich in dem alten zweistöckigen Haus so befremdet. Es liegt tatsächlich überall Salat herum: auf dem Fernseher, der Couch, den Beistelltischchen, den Sesseln, überall frischer grüner Salat. Auch an den Türen hängt welcher, an der Haustür, am Balkon und sogar draußen im Hof. Ich will sie fragen, was es mit der Sache auf sich hat, aber sie nimmt gerade den an der Wand hängenden Koran aus seiner Schutzhülle, küsst ihn drei Mal und legt ihn sich kurz auf den Kopf. Leseprobe

Der Salat soll den Teufel fernhalten, erfährt Ibrahim später. Vor diesem Hintergrund erzählt Zülfü Livaneli von den letzten Monaten im Leben Hüseyins. Wie er Meleknaz trifft, ein jesidisches Mädchen, das vor der Terrororganisation IS geflohen ist. Wie er versucht, sie zu beschützen. Einfühlsam beschreibt Livaneli das Leid der Jesiden. Zu lesen, wie Meleknaz und ihre kleine Schwester von den Islamisten versklavt wurden, ist nur schwer zu ertragen.

Westliche Werte auf dem Prüfstand

Aber auch Ibrahims westliche Werte werden auf den Prüfstand gestellt. Statt Hilfe aus den USA kommt lediglich eine Hollywoodschauspielerin für einen kurzen, PR-trächtigen Besuch vorbei. Jede und jeder scheint seine eigenen Interessen zu verfolgen. Livaneli beschreibt dies mit einem sehr starken Bild: Der "Harese", ein alter arabischer Begriff für eine Gier, die Kamele beim Essen einer bestimmten Frucht ergreift. Die Frucht reißt ihnen tiefe Wunden im Mund, die Tiere verbluten - doch aufhören können sie nicht: Das eigene Blut verstärkt nur den Rausch.

Es ist nur ein kurzer Schritt von den Kamelen zu uns Menschen und der selbstzerstörerischen Gier, mit der wir nicht nur unseren Planeten zerstören, sondern auch gegeneinander grausame Kriege führen. Einzig Hüseyin scheint frei von dieser Harese gewesen zu sein. "Ich war ein Mensch" - das sind seine letzten Worte. Ein Mensch, der in dieser Welt keine Überlebenschance hat. Weder im Orient noch im Okzident. Denn so groß die Unterschiede sein mögen zwischen Ost und West: In ihrer Gier und Grausamkeit sind sie sich erschreckend ähnlich.

Unruhe

von
Seitenzahl:
169 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Klett-Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-96267-3
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.10.2018 | 12:40 Uhr

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