Stand: 09.12.2016 12:14 Uhr  | Archiv

Die Kunst der Straßenfotografie

von Benedikt Scheper

Mittlerweile passiert es geradezu übermäßig häufig - mal eben die kleine Digitalkamera oder das Mobiltelefon gezückt und ein Foto mit der integrierten Kamera gemacht. Meist entstehen so Schnappschüsse aus dem Alltag, häufig auf der Straße; sowohl von Profis als auch Anfängern. Ein neues Buch zeigt nun bereits zum dritten Mal die schönsten, interessantesten, teilweise auch bewegendsten oder ungewöhnlichsten Werke der "World Street Photography". Fotografen aus aller Welt konnten ihre Bilder auf einer Internet-Plattform präsentieren und eine Jury wählte die besten aus. Nun kann man sie in einem Bildband bestaunen.

Eingefangene Augenblicke

New York City, 2015: Zwei Männer in teuren schwarzen Anzügen stehen an einer Straße in Manhattan. Sie scheinen zu warten, auf ein Taxi oder einen Lincoln mit Chauffeur und getönten Scheiben. Doch vor allem scheinen beide nicht zu wissen, wohin sie schauen sollen. Ihre Blicke wirken ratlos schweifend, als wollten sie nicht sehen, dass genau zwischen ihnen ein Obdachloser auf dem Gehweg liegt - in einer abgewetzten Jeans-Jacke und mit zerschlissenen Turnschuhen, das Gesicht stark gerötet - vielleicht von der Sonne, vielleicht vom Dreck, vielleicht vom Alkohol.

Es sind diese Fotos, die kurzen Augenblicke, die die gesellschaftliche Kluft auf Straßen in der ganzen Welt abbilden, Blicke einfangen, Seelen spiegeln, die den Band als sozialkritische Studie auszeichnen.

Gesellschaftliche Studien

"Das Faszinierende ist, dass man die ganze Welt auf einmal sehen kann und alle Menschen in der Umgebung werden in Komposition gesetzt. Man sieht viele Emotionen, man macht eine kleine Weltreise im Buch", erzählt der aus den Niederlanden stammende Herausgeber Gido Carper und zeigt auf die unterschiedlichsten Farb- und Schwarz-weiß-Fotografien aus Amerika, Europa und Asien. Auf den Philippinen etwa steht die Straße kniehoch unter Wasser. Starkregen prasselt auf kleine schwarze Gestalten, die mit ihren Schirmen vor Autos tanzen. Angeleuchtet durch deren Scheinwerfer wirkt die Szenerie wie ein Schattentheater und die Regentropfen sehen, je nach Unschärfe und Entfernung von der Linse, wie Diamanten oder Schneeflocken aus.

Unter dem Titel "Das russische Walross" badet eine adipöse Dame im kalten Meer, scheint gerade von der Eisscholle gesprungen zu sein und sich herrlich zu amüsieren. Genauso wie ein italienischer Junge in knapper und triefender Badehose, der - dank einer optischen Täuschung - auf die bunten Häuserdächer seiner Stadt springt.

Ungestellte Motive

Alle Bilder müssen ein wesentliches Kriterium erfüllen, erklärt Herausgeber Gido Carper am Beispiel des Cover-Fotos. Es zeigt einen Mann, aus dessen Kamera scheinbar ein Lichtkegel kommt. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Graffiti im Hintergrund, das eine gehende Frau als Motiv "einfängt". "Die Fotos dürfen nicht gestellt sein, das ist ganz wichtig. Natürlich muss man nachfragen, ist es gestellt oder nicht. Und er hat mir dann erzählt, dass er das Bild im Kopf hatte, so wie es aussehen sollte, aber es waren keine Menschen da und dann hat er gewartet. Und er hat vier Tage da gestanden, das ist schon echt lange, aber das gehört auch dazu."

Der Band präsentiert eine Auswahl der rund 30.000 Fotos der Internet-Seite aus mehr als 100 Ländern - und zeigt mit jedem einzelnen Bild eines: Wie ein anderer Blickwinkel manchmal eine ganz neue Sichtweise ermöglicht. Straßenfotografie bietet mal heimliche, mal offensive Beobachtungen unseres Alltags - damit ist sie so vielfältig wie die Welt selbst.

World Street Photography 3

von Gido Carper (Herausgeber)
Seitenzahl:
170 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Englisch
Verlag:
Gudberg Nerger Verlag
Bestellnummer:
978-3-945772-21-8
Preis:
39,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 11.12.2016 | 17:40 Uhr

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