Wolken über einer Baumformation © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Büttner Foto: Jens Büttner

Wolkengedichte - bloß nicht vorbeiziehen lassen

Stand: 10.04.2021 09:51 Uhr

Derzeit sehen wir beim Blick nach oben kaum was anderes. NDR Kultur widmet sich deshalb der Wolkenlyrik.

von Annkathrin Bornholdt

Cirrus, Nimbostratus, Cummulus - die Wissenschaft hat zahlreiche Begriffe für die Gestalt der Wolken gefunden. Doch Wolken sind mehr als nur ein Wetterphänomen. Für uns Menschen sind sie häufig Sinnbilder, Symbole für Gefühle, Erlebnisse und Geschehnisse, die sich nicht genau fassen lassen.

Immer wieder kommt das in der Literatur zum Ausdruck, besonders in Gedichten. Wir geben einen kleinen Einblick in die Wolkenwelt der Lyrik.

Eine schmale, weiße
Eine sanfte, leise
Wolke weht im Blauen hin.
Senke Deinen Blick und fühle
Selig sie mit weißer Kühle
Dir durch blaue Träume ziehn.

(Hermann Hesse, "Die leise Wolke")

... wenige, wohl gewählte Worte und da ist sofort dieses Gefühl der Weite, des Wegträumens, der Reise nach Innen. Es gibt ein ganzes Buch allein über Hesses Betrachtungen und Gedichte zum Thema Wolken.

Goethes Wolkenlyrik gegen Liebeskummer

Ein wahrer "Wolkendichter" ist auch Johann Wolfgang von Goethe. In seinen Texten stehen die Wolken für alles, was übersinnlich und nicht greifbar ist: die Inspiration, das Göttliche und natürlich die Liebe. "O Lieb‘ o Liebe, so golden schön. Wie Morgenwolken auf jenen Höhn" heißt es etwa in seinem Mailied. Und auch seiner Geliebten und Kurzzeit-Verlobten, der Bankierstochter Anna Elisabeth Schönemann, genannt Lili, widmet er - nach der schmerzvollen Trennung - ein Wolkengedicht:

Im holden Tal, auf schneebedeckten Höhen
War stets dein Bild mir nah:
Ich sah’s um mich in lichten Wolken wehen,
Im Herzen war mir’s da.
Empfinde hier, wie mit allmächt’gem Triebe
Ein Herz das andre zieht,
Und daß vergebens Liebe
Vor Liebe flieht.

(Johann Wolfgang von Goethe, "An Lili")

Auch dunkle Wolken in Dichtungen

Erich Fried dichtet von der "schwarzen Wolke", die "über die Zukunft zieht" (und schwarz ist "wie die Nacht") – die Reaktorwolke von Tschernobyl. Durch die Gedichte von Else Lasker-Schüler und Sarah Kirsch ziehen ebenfalls nicht nur luftig-leichte, sondern auch mal düstere, verschleiernde Wolken. Und bei der jüdischen Dichterin Hilde Domin, die nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrte, werden Wolken zum Symbol der Heimatlosigkeit:

Ich fahre
nach Inseln ohne Hafen,
ich werfe die Schlüssel ins Meer
gleich bei der Ausfahrt.
Ich komme nirgends an.
Mein Segel ist wie ein Spinnweb im Wind,
aber es reißt nicht.
Und jenseits des Horizonts,
wo die großen Vögel
am Ende ihres Flugs
die Schwingen in der Sonne trocknen,
liegt ein Erdteil
wo sie mich aufnehmen müssen,
ohne Pass,
auf Wolkenbürgschaft.

(Hilde Domin, "Wolkenbürgschaft")

Zuckerwatte, Sahneeis - Meister der Verwandlung

In den Zeilen der zeitgenössischen Dichterin Irmela Brender werden die Wolken humorvoll zum faszinierenden Himmelsschauspiel:

Jennifer und Florian
schauen sich die Wolken an.
Dauernd ändert sich das Bild,
das da aus dem Himmel quillt:

Zuckerwatte, Sahneeis
wogen luftig cremigweiß.
Grauer Rauch ballt sich am Rand
zur enormen Rächerhand.

[…]

Alles ändert sich im Nu –
ich seh dies, und das siehst du.
Aber es ist wunderschön,
in den Wolken fernzusehn.

(Irmela Brender, "Wolkenbilder")

In den Wolken fernsehen - und das auch noch mit der richtigen Musik auf den Ohren - können Sie mit der aktuellen Folge von "Philipps Playlist": "Musik zum Wolkengucken".

Weitere Informationen
Porträt von Philipp Schmid © NDR Foto: Mischa Kreiskott

Philipps Playlist

Philipp Schmid kennt für jede Lebenslage die richtige Musik. Egal ob Pop, Klassik oder Jazz. Träumt Euch zusammen mit ihm aus dem Alltag! mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 10.04.2021 | 06:40 Uhr

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