Stand: 07.11.2018 15:23 Uhr

Das große Jahrzehnt der Philosophie

Zeit der Zauberer
von Wolfram Eilenberger
Vorgestellt von Lydia von Freyberg

Fünf Titel stehen auf der Shortlist für den NDR Kultur Sachbuchpreis, den wir in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal vergeben und der mit 15.000 Euro dotiert ist. Mit dabei ist das Buch "Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929". Lydia von Freyberg hat das Werk von Wolfram Eilenberger gelesen - und ist ebenso begeistert wie die Jury.

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Mit "Zeit der Zauberer" hat Wolfram Eilenberger ein großartiges Buch geschrieben.

Es sind diese ungeheuren 20er-Jahre: Die Kommunikation beginnt zu rasen, die Medien explodieren, Telefon, Zeitung, Radio, Film. Das Leben beschleunigt, Innovationsrausch, Reizüberflutung. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte fühlt es sich so an, als sei die Zeit schneller als der Mensch selbst. Diese Zwanziger Jahre verstehen heißt vor allem auch unsere Zeit verstehen, sagt der Philosoph Wolfram Eilenberger: "Die 20er-Jahre sind eine Folie, die eine Deutung gibt für unsere jetzige Situation. Wer waren die großen Denker der 20er-Jahre, und haben sie nicht uns heute auch sehr viel zu sagen?"

Die jungen Wilden der Philosophie

Der Erste Weltkrieg hat jede Gewissheit zertrümmert. Ernst Cassirer, damals der populärste Philosoph Deutschlands, schreibt:

"Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist; in dem er nicht mehr weiß, was er ist, zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß.“ Leseprobe

Jetzt stürmen junge Wilde die Philosophie. Martin Heidegger, Schwarzwälder, Skifahrer, Großstadtverächter, fordert ein neues Da-Sein. 1927 erscheint "Sein und Zeit", ein Meilenstein, der Heidegger zum Shootingstar macht. "Wir haben nur dieses Leben", sagt er, "niemand hat uns gewählt, wir sind einfach da, jetzt, und jetzt ist es unsere Aufgabe, der zu werden, der wir sein wollen." Heideggers Denkort: ein Hütte, hoch oben im Schwarzwald.

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Walter Benjamin - vollkommen lebensuntüchtig

Wo Heidegger die Natur sucht, stürzt sich ein anderer in den Großstadtrausch: Walter Benjamin. Genialer Denker, vollkommen lebensuntüchtig: "Ich bin nicht in der Lage, mir selbst eine Tasse Tee zu kochen", schreibt er. Notorisch pleite, liebt er teure Restaurant, Casinos, Bordelle. Der Rausch, glaubt er, offenbart die Essenz unseres Daseins. Benjamin ist zerrissen. Zwischen Ehefrau und Geliebter, zwischen Berlin, Paris und Moskau, zwischen Demokratie und Kommunismus. "Er war an den Extremen jeder Form sehr interessiert, was auch in einer innerlichen Verbindung zu seinem Denken steht, weil er glaubte, dass die extremen Außenseiter einer Gesellschaft das Mark des Ganzen in sich tragen", sagt Eilenberger. "Wir müssen also nicht auf die eigentlichen Helden schauen, sondern auf die Vergessenen, und da erfahren wir etwas über uns und über den Zustand unserer Gesellschaft."

Inspiration und Mahnung

1922 erscheint das wohl geheimnisvollste Werk der Philosophiegeschichte: der "Tractatus logico-philosophicus" - geschrieben von einem wohlhabenden 20-Jährigen aus Österreich, Ludwig Wittgenstein. Er ist überzeugt, damit sämtliche Probleme des Denkens "endgültig gelöst zu haben". Er verschenkt sein Vermögen, macht Schluss mit der Philosophie und beginnt ein neues Leben als Dorfschullehrer. "Worüber man nicht reden kann, davon muss man schweigen", sagt der Tractatus. Ein Buch, das davon handelt, was sich nicht sagen lässt, nämlich das Eigentliche im Leben: "Das, was unser Leben eigentlich sinnvoll macht, das hat keine Gründe, das verlangt nach einem Sprung, nach einer Selbstbestimmung, nach dem Mut etwas zu tun, obwohl man keine Gründe dafür hat", so Eilenberger.

Wolfram Eilenberger hat ein großartiges Buch geschrieben. Mitreißend erzählt er die Biografien und Ideen der großen Denker, ein Sachbuch spannend wie ein Roman, klug und erhellend. "Zeit der Zauberer" ist beides zugleich: Inspiration und Mahnung.

Zeit der Zauberer

von
Seitenzahl:
431 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Klett-Cotta Verlag
Bestellnummer:
978-3608947632
Preis:
25,00 €

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