Stand: 03.06.2020 09:39 Uhr

Flüchtige Beziehungen und tiefe Gefühle

von Lisa Kreißler

Im Jahr 2002 schlug Queen Elizabeth den irischen Schriftsteller William Trevor zum Ehrenritter. Eine Adelung, die er sich mit seinem umfangreichen, einfühlsamen Erzählwerk wohl verdient hatte. In seinen Romanen und Erzählungen widmete er sich vor allem Figuren, die in Konflikt mit der Gesellschaft stehen.

William Trevor: "Letzte Erzählungen" © Hoffmann und Campe
Menschen und ihre Beziehungen sind Thema in Trevors letztem Buch.

In Deutschland wurde Trevor in den 90er-Jahren mit seinem Roman "Felicias Reise" bekannt, einer Road-Novel, in der sich ein junges Mädchen allein auf die gefährliche Suche nach dem Vater ihres Kindes begibt. 2016 ist William Trevor im Alter von 88 Jahren gestorben. Nun sind seine "letzten Erzählungen" erschienen.

Es ist eine der spannendsten Fragen in der Werkbetrachtung: Welchem Thema wendet sich der Autor ganz am Ende seines Lebens zu? William Trevor ist in seinem letzten Erzählband ein großes Risiko eingegangen. Dramatische Beziehungen und Tode dienen ihm nur als Hintergrundgeräusch für das Drama der verhinderten Geschichten.

Begegnungen mit Fremden

Es geht um die kurzen Berührungen mit fremden Menschen, aus denen sich nichts entwickelt, die aber trotzdem einen feinen Abdruck in der Seele der Figuren hinterlassen. So geht es zum Beispiel Mrs Crasthorpe, als sie dem attraktiven Witwer Etheridge in London auf der Straße begegnet.

Mrs Crasthorpe beobachtete, wie der Mann, den sie angesprochen hatte, davonging, und als er außer Sichtweite war, vermisste sie ihn, so als würde sie ihn kennen. Leseprobe

Etheridge fühlt sich nicht auf die gleiche übernatürliche Weise mit Mrs Crasthorpe verbunden. Ganz im Gegenteil: Ihre "fleischige" Erscheinung und ihr ungebremster Redefluss stoßen ihn ab. Während Mrs Crasthorpe in den Cafés nach ihm Ausschau hält, sucht sich Etheridge ein Versteck, sobald ihre aufgeregten Energiewellen in seinem Radius auftauchen.

Starke Gefühle, die nicht erwidert werden

Als er dann aber davon hört, dass ihr ein Unglück zugestoßen ist, muss er immer wieder an sie denken - und immer wieder schämt er sich dafür, dass er sie nicht mochte. Genau um diese vertrackten, kaum je ausformulierten moralischen Nuancen webt William Trevor seine Geschichten.

Die junge Olivia wird in der Erzählung "Ein Gespräch in Gang halten" von einem verheirateten Verehrer gestalkt. So sehr sie ihn auch loszuwerden versucht, so deutlich spürt sie auch, dass dieser fremde Mann ihr etwas über sich selbst mitteilt, was vielleicht niemand sonst noch einmal in ihr hätte aufleuchten lassen.

Als sie fünfzehn war, als sie durch jene unbeholfene Lebensphase schlitterte, gab es da den Freund ihrer Schwester, später deren Verlobter, am Ende ihr Mann. In der Diele hatte sie zu seiner Militärmütze hinaufgelangt, um den Schirm zu befühlen, um mit dem Finger an dem Lederband entlangzufahren, das sein Haar berührte. Und wie sie so auf der roten Sitzbank saß, mit einem Mann, der ihr ein Ärgernis war, verspürte Olivia einen flüchtigen Augenblick lang wieder den damaligen Schmerz. Leseprobe

Traditionelle Geschichten mit Anklängen an Raymond Carver und Alice Munro

William Trevors Geschichten stehen in der Tradition der klassischen Erzählungen. Dabei vereinen sie die Verfahren von zwei anderen berühmten Erzählern englischer Sprache: Raymond Carver und Alice Munro. Einerseits zeichnet Trevor seine Figuren, wie Carver, in groben Strichen, was dazu führt, dass einige von ihnen sehr ins Stereotype abdriften. Besonders die Protagonistinnen zeigen wenig Varianz.

Die Frauen wehren sich alle mehr oder weniger erfolgreich gegen das Altern. Ihr Wert scheint daran gemessen, welchen Eindruck sie bei den Männern hinterlassen. Aber mittendrin in diesen teilweise abgenutzten Konstellationen blitzen, wie bei Alice Munro, messerscharfe Gefühlsregungen hervor.

Nicola lebte mit ihrer Verunsicherung und war sich bewusst, dass es nicht viel war, womit sie leben musste. Doch jeden Morgen, wenn sie aufwachte, war sie beunruhigt und wollte nicht darüber nachdenken. Und wenn sie tagsüber allein war - wenn sie putzte, kochte oder einkaufen ging -, suchte sie nach einer inneren Gelassenheit, auf die sie sich immer hatte stützen können, fand sie aber nicht mehr. Leseprobe

Der Versuch, Liebe zu ermöglichen

Die Erzählung "Ein Idyll im Winter" bildet einen Kontrapunkt in dem dramaturgisch sehr schön aufgebauten Band. Wo sich die Fremden in den übrigen Geschichten nach kurzem irritiertem Abtasten wieder voneinander entfernen, versuchen die Figuren hier ihre verhinderte Liebe möglich zu machen.

Der Geograf Anthony verlässt seine Frau Nicola und seine zwei Töchter, um mit seiner ehemaligen Schülerin Mary Bella zusammen zu sein. Aber schnell regen sich Widerstände und es scheint, als gäbe es tatsächlich unbekannte Kräfte, die die eine Beziehung möglich machen, die andere jedoch nicht.

William Trevor macht uns in seinen letzten Erzählungen aufmerksam auf den Wert der flüchtigen Begegnung. Er hinterlässt uns die Gewissheit, dass alles, was scheinbar wieder verschwindet, sich irgendwo einen festen Platz in der Erzählung unseres Lebens sucht.

Letzte Erzählungen

von William Trevor, aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann & Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00828-9
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.06.2020 | 12:40 Uhr

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