William Boyd: "Trio" (Cover) © Kampa

William Boyd: "Trio"

Stand: 16.03.2021 13:42 Uhr

2013 wurde William Boyd von den Ian Fleming Publications beauftragt, den offiziellen James Bond-Roman "Solo" zu schreiben. Sein neuester Roman "Trio" erscheint jetzt auf Deutsch.

von Peter Helling

Boyd sagt von sich, er fühle sich in keiner Kultur zuhause. Geboren 1952 als Sohn schottischer Eltern in Ghana, wuchs er in Nigeria auf. Heute lebt er in London und baut in Südfrankreich Wein an. Vielfach ausgezeichnet, schreibt er nicht nur Romane, sondern auch Theaterstücke und Drehbücher. Mit "Ruhelos" hat er sich als Thrillerautor etabliert.

Drei Personen sind die Hauptfiguren

Ein Morgen in Südengland. Die drei Hauptfiguren wachen nacheinander in ihren Betten auf, Kapitel für Kapitel. Da ist Elfrida Wing, die alkoholsüchtige Schriftstellerin, die nach zehn Jahren ihre Schreibblockade überwinden will. Talbot Kydd, der alternde Filmproduzent mit nervösem Magen, versteckt seine schwule Identität hinter Familienalltag und Arbeitseifer. Und Anny Viklund, der US-amerikanische Filmstar. Die nervöse junge Frau wird von ihrem Ex-Mann gestalkt, einem international vom FBI gesuchten Linksextremisten.

Anny Viklund wachte auf und überlegte wie jeden Morgen, während sie langsam wieder zu Bewusstsein kam, ob der heutige Tag sich wohl als ihr Todestag entpuppen würde. Warum kam ihr ausgerechnet diese makabre Frage jeden Morgen aufs Neue in den Sinn, gleich nach dem Aufwachen? Leseprobe

Lauter tragikomische Typen

"Trio" heißt der Roman, und ein loses Trio bilden die drei tragikomischen Charaktere. Was sie verbindet in diesem Jahr 1968 in Brighton an Englands Südküste? Die Dreharbeiten für einen ziemlich skurrilen Film. Sein Titel: "Emily Bracegirdles außerordentlich hilfreiche Leiter zum Mond".

Talbot produziert, Anny spielt die Hauptrolle. Elfrida ist die unglückliche Ehefrau des Regisseurs. Sie stehen jeweils vor einer entscheidenden Wende ihres Lebens.

Elfrida goss sich etwas Wodka in ihren Frühstücks-Orangensaft. Sie machte sich nichts vor, keineswegs: Sie war die klassische Süfflerin, das wusste sie, und sie wusste außerdem, dass sie an dem Tag wieder trocken würde, an dem sie anfing, einen neuen Roman zu schreiben. Leseprobe

Trockener Humor und witzige Situationen

Was William Boyds Roman "Trio" auszeichnet, ist sein trockener Humor, sind die witzigen Situationen, die sich urplötzlich mit Einbrüchen in Sucht und Verzweiflung abwechseln. Manchmal liest er sich wie eine temporeiche britische Miniserie. Es macht Spaß, nach verborgenen Motiven und erzählerischen Tapetentüren zu suchen. Etwas oberflächlich, aber immer sehr unterhaltsam. Wie William Boyd das Geplapper auf einer angesagten Filmparty einfängt, ist meisterlich. Darunter herrscht Leere.

Eigentlich liest sich der Roman auch wie eine Verbeugung vor Virginia Woolf, ihr Suizid im Flüsschen Ouse ist ein Leitmotiv. Elfrida will einen Roman über Woolfs letzten Tag schreiben, Anny schluckt Tabletten und fürchtet jeden Morgen, es sei ihr letzer. Und Talbot? Wie bei Virginia Woolf pendelt seine Identität zwischen Homo- und Heterosexualität. Derweil London swingt, und in Paris die Barrikaden brennen. William Boyd ist ein atemloser Erzähler, die Dreharbeiten wirken so schräg, als würden Billy Wilder und Monty Python gemeinsam Regie führen.  

Bei Filmen ging immer irgendwas schief, das wusste Talbot, immer, auch bei großen, prestigeträchtigen Projekten, das spielte keine Rolle. Ausfallerscheinungen lagen bei dieser Kunstform namens Kino quasi in der Natur der Sache. Aber nicht in dieser Form. Leseprobe

Mal Agententhriller, mal erotische Skizze, mal Screwball Comedy

Alle drei wollen ihrem Leben entkommen, ausbrechen aus den Zwängen des Filmbusiness‘, weg von den Intrigen am Set, der glücklosen Ehe, den bürgerlichen Normen, die eigene "Leiter zum Mond" finden. 1968, das Jahr der Studentenunruhen, ist auch das Jahr, in dem die Beatles ihren Song "Revolution" schrieben. Kein Zufall.

Die Tonlage des Romans wechselt von Kapitel zu Kapitel. Mal ist er Agententhriller, mal erotische Skizze, dann wird er zur Screwball Comedy. Das lässt das Buch nie zur Ruhe kommen, es wirkt körperlich, grell, manchmal zu plakativ. Aber William Boyd führt seine Figuren nicht vor, sondern zählt sie an: Wer bleibt übrig, wer darf in die nächste Runde im Spiel genannt "Leben"? Der Zufall regiert, und manchmal schlägt er hart zu.

Und jetzt rüttelte jemand am Türgriff. Lasst mich in Ruhe, rief sie, lasst mich bitte endlich in Ruhe! Dann zog sie sich die Decke über den Kopf und blendete die Welt mit ihrem ganzen Trubel für immer aus. Leseprobe

Trio

von William Boyd, aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kampa
Bestellnummer:
978 3 311 10072 0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.03.2021 | 12:40 Uhr

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