Stand: 25.03.2020 09:23 Uhr  - NDR Kultur

Kinderheime - Deutschlands düsteres Erbe

Die wir liebten
von Willi Achten
Vorgestellt von Peter Helling

Willi Achten stammt vom Niederrhein. Der studierte Lehrer schreibt seit den 90er-Jahren eigene Prosa und Lyrik. Für seinen ersten Gedichtband bekam er den 2. Düsseldorfer Lyrikpreis, für seinen Roman "Ameisensommer" danke:-)den Diotima Literaturpreis.

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Roman über zwei Jugendliche in den 70er-Jahren in der deutschen Provinz.

Sechs Bände hat Willi Achten bisher veröffentlicht, zuletzt "Nichts bleibt". Jetzt ist sein neuester Roman erschienen: "Die wir liebten" heißt er und er führt Leser und Leserinnen in die 70er-Jahre der Bundesrepublik.

"Alles fing an, weil Roman mutiger war als ich. Eine Tugend kann ein Verhängnis sein. Das ahnten wir damals nicht." Manche Bücher beginnen wie ein Sommerdrama: scheinbar leicht und verspielt. Edgar und Roman sind Brüder, elf und zwölf Jahre alt. Sie leben in ihrem Dorf bei Mönchengladbach. Edgar erzählt aus der Rückschau.

Eine Zeit zwischen Dynamik und Stillstand

Gerade hat der ältere Bruder die beiden Vögel des Schulrektors aus dem Käfig befreit. Roman bringt die Dynamik in die Geschichte, er ist Edgars Held und Antrieb. Der Vater arbeitet in der heimischen Backstube, seine Spezialität sind Sahnetorten, in seiner Freizeit liest er Heinrich Böll. Die Mutter verkauft Lottoscheine in ihrem Laden. Eine bunt gewürfelte Familie, drei Generationen im Jahr 1971. Im Garten stehen die Obstbäume, und durch den Himmel schießen britische Kampfflugzeuge. Und im Fernsehen? Läuft "Dalli Dalli" mit Hans Rosenthal.

Vater saß in seinem Sessel, hatte uns den Rücken zugekehrt, und als wir auf dem Sofa an ihm vorbeigingen, sahen wir auf den Fernseher, in dem der Moderator eine Luftsprung machte, und das Publikum klatschte, die Stimmung war heiter. Leseprobe

Willi Achten skizziert eine Zeit zwischen Dynamik und Stillstand. Bei ihm wird das 7:0 des Lokalmatadors Borussia Mönchengladbach gegen Schalke 04 zum Fest der Freiheit, der Rebellion. Es sind diese Geschichten, die das Buch lesenswert machen. Geschichten voll prallem Leben, atemlos. Immer leuchtet da etwas, gibt es dieses bange Hoffen, dass das Glück von Dauer ist. "Alles bleibt gut". Aber Willi Achten zeigt: Nichts bleibt, gar nichts. Weil schon vorher nichts wirklich gut war.

Als Kind ist der Gedanke, dass nichts bleibt und alles von der Zeit radiert wird und man am Ende derjenige ist, der die Erinnerungen in die Geschichten einer Familie in sich trägt, kein Gedanke, der sich denken lässt. Leseprobe

Nichts bleibt wie es ist

Am Vorabend des Maifeiertags gerät Edgars und Romans kleine Welt ins Rutschen. Sie spüren - Kinder spüren alles -, wie ihr Vater mit der Tierärztin flirtet. Wie ihre Mutter nervöse Blicke zur Tanzfläche hinüberwirft. Dann hat der mutige Roman noch einen Plan für einen scheinbar harmlosen Streich: Ab jetzt tickt eine Uhr.

Nichts schien sich verändert zu haben, Mutter und Vater schliefen in einem Zimmer und in einem Bett. Aus ihren Worten war kein Streit, keine Verstimmung, kein Argwohn und keine Eifersucht herauszuhören. Nur eine Wortarmut saß bei uns mit am Tisch. Leseprobe

Buhnke, der Dorfpolizist mit Nazivergangenheit, kreist von nun an die beiden Jungen ein. Im Dorf gibt es eine Parallelwelt, von der keiner spricht, ein klosterartiges Anwesen, ein berüchtigtes Kinderheim. "Gnadenhof" heißt es hier. Im letzten Viertel des Romans wird von diesem rabenschwarzen Kosmos erzählt, einer Erziehungshölle.

Ein Ort mit dunkler Geschichte

Willi Achten hat sich von einem historischen Ort seiner Heimat inspirieren lassen, dem Kinderheim 'Waldniel'. Hier wurden während der Nazizeit Kinder mit körperlicher oder geistiger Behinderung getötet. Der braune Ungeist lebt hier fort.

Ein leises, kaum hörbares Atmen grundierte die Stille, ließ uns die Sicherheit, nicht in einem Leichensaal zu sein. Wir passierten Bett um Bett, keines der Kinder sprach uns an. Ein ganz und gar stummer Ort. Leseprobe

"Die wir liebten" ist das Buch einer Gesellschaft, in die Krieg und Nazizeit hinein wuchern. Zwei Welten existieren in Spuckweite nebeneinander: Bob Dylan und Heinos Schlager "Schwarzbraun ist die Haselnuss". Die bittere Zeit des Übergangs zwischen braunem Terror und quietschbunter BRD mit Schlaghose und besetzten Häusern - das eine ist noch da, das andere noch nicht wirklich. Mancher Satz Achtens scheint nur mit halber Ironie dem populistischen Vokabular der Gegenwart entliehen.

Eine Katastrophe zeichnet sich ab

"Wir werden sie jagen!" bellte Buhnke und stand auf. Es sind knappe, lakonische Sätze, einfache Gedanken. Man identifiziert sich mit Edgar, wie er fast verwundert der Katastrophe zusieht. Achten zeichnet mit großer Liebe zu seinen Figuren eine poröse Welt, in der das Leben den Atem anhält. Eine Jugend auf Zeit. Flucht scheint die einzige Option.

Diese Coming-of-Age-Geschichte ist ein Sprung in einen kalten See. Wenn Edgar und Roman heraussteigen, ist die Welt eine andere. Ein Text, der kalte und heiße Gefühle weckt, eigene Erinnerungen kitzelt und in die Schatten hinter den braunen Möbeln blicken lässt. Bewegende Prosa, voll verzweifelter Hoffnung, dass einer die Käfig-Tür aufreißt - einer wie Roman.

Die wir liebten

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05994-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.03.2020 | 12:40 Uhr

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