Wilhelm Raabe: "Deutscher Mondschein" (Cover) © Jung und Jung

"Deutscher Mondschein": Abgründe eines Erbsenzählers

Stand: 06.12.2021 11:45 Uhr

Wilhelm Raabe war ein Vertreter des sogenannten poetischen Realismus. Er wird nur noch selten gelesen. Nun ist eine wundervolle kleine Erzählung von Raabe erschienen, die er 1872 geschrieben hat.

von Annemarie Stoltenberg

Es ist eine echte Entdeckung, binnen einer knappen Stunde zu lesen, auch wenn es Freude wie für 500 Seiten macht - dieses schmale Bändchen "Deutscher Mondschein". Versehen ist es mit einem Nachwort des Schriftstellers Jochen Mißfeldt, dessen Lektüre sich zuerst empfiehlt, denn Mißfeldt erklärt souverän und brillant alle biografischen, gesellschaftlichen und politischen Hintergründe der Erzählung.

Ein Strandspaziergang mit einem Unbekannten

Als profunder Kenner von Theodor Storm kann er wunderbar beschreiben, dass Wilhelm Raabe 1867 nach Sylt aufbrach, zur Erholung, der Nerven wegen und in Husum seinen Kollegen Theodor Storm zu treffen hoffte. Der war aber nicht zu Hause. So fuhr Raabe mit Ehefrau und Tochter weiter nach Sylt und lässt seinen Helden davon berichten.

Bei einem Strandspaziergang trifft der Ich-Erzähler auf einen Mann, der außer sich ist vor Angst, der Mond ist gerade aufgegangen und davor fürchtet er sich. Er bittet um Rettung in seiner Not und zufällig hat der Erzähler einen Regenschirm dabei, er kann helfen und so gehen sie "Hüfte an Hüfte" - wie es heißt - am Strand entlang weiter.

Bei heißem Grog verstehen sich die beiden Männer großartig

Der Mann heißt Löhnefinke und sie stellen fest, dass sie beide Beamte sind und kommen sich bei munter geführten Reden über den Mond und die Politik näher. In einem Gasthaus werden dann etliche Becher Grog geleert, aber schließlich muss Löhnefinke dann wirklich zurück in seine Ferienunterkunft in Westerland, wo Frau und Tochter warten. Tochter Helene kommt ihnen schon entgegen, warnt, dass gleich die Frau Mama erscheinen wird und es zeigt sich, dass der Mondschein nicht das einzige ist, wovor Löhnefinke Angst hat:

"Also endlich, Löhnefinke?! Deine alte gewohnte Rücksichtslosigkeit! Aber ich sage dir, Löhnefinke..."
"Aber liebe Johanna, so sieh doch! Erlaube mir, dir hier meinen Freund und Korrespondenten..."
So wird man nicht selten als spanische Wand zwischen den Zugwind und den Lehnstuhl des Rheumatismuskranken geschoben! Leseprobe

Die beiden Männer hatten irgendwie gemeinsam den Duft von Freiheit in ihrer Verrücktheit geschnuppert und nun geht es zurück, nicht ohne allerhand Späße und Quersprünge des vergnügten Erzählers Wilhelm Raabe.

Eine verrückte Geschichte mit wundervollen Formulierungen

Der Mond, der das Nervenbündel zum Nachtwandler formt, infiziert die Erzählung mit allerlei Zuschreibungen, lässt die in Galgenhumor und Ironie baden, bedient sie mit Übertreibung und Theater, legt ihr eine Ader für das Groteske und Bizarre, lässt die Behauptung so wahr sein wie ihr Dementi und liefert originellen Unsinn. Leseprobe

Eine verrückte Geschichte, die den Lesenden an der Nase herumführt und den Erzähler mit seinem Leidensgefährten Löhnefinke zum Narren hält, passgenau für den nüchternen Büromenschen, wenn er als Erbsenzähler in seinen Abgründen spazieren geht.  

Die Abgründe eines Erbsenzählers - auch eine so wundervolle Formulierung. So ist das Buch geradezu ein Muss für Sylt-Freunde zu Weihnachten und auch sonst.

Deutscher Mondschein

von Wilhelm Raabe
Seitenzahl:
64 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Jung und Jung
Bestellnummer:
978-3-99027-253-4
Preis:
12,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.12.2021 | 12:40 Uhr

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