"Wie alles kam": Sams-Autor Paul Maar schreibt über Kindheit

Stand: 26.10.2020 16:39 Uhr

Im Roman "Wie alles kam" erzählt Sams-Erfinder Paul Maar die Geschichte seiner Kindheit. Das Buch ist auch eine Liebeserklärung an seine Frau Nele, die ihm dabei half, seinen Weg zu gehen.

von Lydia von Freyberg

Natürlich treffen wir Paul Maar an einem Samstag - eine kleine Verbeugung vor seinem berühmtesten Geschöpf. Es hat blaue Wunschpunkte im Gesicht, ist aberwitzig mutig und lebt ausschließlich nach dem Lustprinzip. Seit fast 50 Jahren begeistert das Sams Kinder - das wilde Wesen und der schüchterne Herr Taschenbier. "Das Sams verkörpert all das, was der Herr Taschenbier in sich hat, aber nicht auslebt, weil er es nicht wagt", erzählt Paul Maar. Herr Taschenbier sei ein heimliches Porträt seiner selbst als junger Mann gewesen, sagt der Autor: "Ich konnte ihn genau nachempfinden, er ist ja auch kontaktgestört und wartet darauf, dass ihn jemand anspricht."

Schwere Kindheit: Verlust der Mutter, strenger Vater

Paul Maars Start ins Leben war schwer. Der Auto wird 1937 in Schweinfurt geboren, die Mutter stirbt nach der Geburt. Der Vater muss an die Front und dann lange in Kriegsgefangenschaft. Der Vater ist hart. Der Junge soll einmal den Betrieb übernehmen, Stuckateur und Malermeister werden. Pauls Zuflucht sind Bücher. Vier Stück besitzt er, darunter das Märchen vom Eisenhans, dem Jungen, dem keiner etwas zutraut, bis eines Tages sein Hut verrutscht und alle rufen: "Der hat ja goldene Haare!" Für den Vater ist das Zeitverschwendung, der Junge eine Enttäuschung.

"Das beste wäre, ich würde unauffällig mit der Tapete im Zimmer verschmelzen und keiner sieht mich", erinnert sich Paul Maar. "Also: Sei still, sei unauffällig, um Himmels Willen widerspreche nicht, sonst kriegst du gleich eine Ohrfeige. Und das hat sich so eingeprägt, als ein Programm, ein Drehbuch." Erst durch seine Frau habe sich dies geändert.

Das Sams - Kinderbuch mit autobiografischem Inhalt

Nele macht mit ihm Abitur und Paul erobert ihr Herz. Ihre Familie ist für ihn eine Offenbarung, die Eltern betreiben ein Theater, ein offenes, kreatives Haus. Er studiert Kunst. 1960 findet die Hochzeit statt. Paul Maar arbeitet zunächst noch als Kunsterzieher. Weil er die meisten Bücher für seine Kinder altmodisch und verstaubt findet, schreibt und illustriert er selbst eines: Im Jahr 1967 entsteht "Der tätowierte Hund". Zu jedem Bild auf seinem Fell erzählt der Hund eine Geschichte - auch die vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der - gar nicht bösen - Hexe. "Ich schreibe die Geschichten, die ich als Kind gerne gelesen hätte", sagt er. 1973 folgt das erste Sams-Buch. Es handelt auch von ihm selbst, der Befreiung eines scheuen Menschen.

Paul Maar sucht Interaktion mit den Lesern

Noch immer geht Paul Maar auf Lesereise, er liebt die Reaktionen seines Publikums, die Fragen der Kinder. Jede Woche erreichen ihn Briefe, manche erzählen von den dunklen Stunden einer Kindheit. Wie der von dem Mädchen, das ganz genau weiß, was es sich vom Sams wünscht. "Sams, ich wünsche, dass der Papa von dieser doofen Frau weg geht und wieder zu uns in die Familie kommt", habe ihm ein Mädchen geschrieben. "Ja, was schreibt man denn da? Meistens erzähle ich dann, dass dieses Mädchen mal in sich hineinfühlen soll. Und es hat ganz sicher ganz tief im Innern einen ganz festen Kern, der immer bleibt. Den hatte ich nämlich auch, ich hatte eine ganz schwierige Kindheit." Und dann erzähle er vielleicht etwas von seiner Kindheit und schreibe, dass er sogar Autor geworden sei. "Und ich glaube, in zwei, drei oder vielleicht in fünf Jahren schaust du zurück und merkst, das war eine ganz schwierige Situation, aber du bist gut durchgekommen."

Trost durch Abtauchen in Bilder und Geschichten

Was er sich selbst wünschen würde? Es wäre so schön, sagt Paul Maar, wenn seine Frau, die er pflegt, noch gesund wäre - die Zeit zurückdrehen. Die Arbeit ist Paul Maars größter Trost - abtauchen in neue Bilder, Geschichten, Gedichte.

Weitere Informationen
Der Kinderbuchautor Paul Maar © picture alliance/Markus Scholz/dpa Foto: Markus Scholz

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Wie alles kam

von Paul Maar
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman/Erinnerungen
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-397038-8
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 28.10.2020 | 00:00 Uhr

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