Filmszene aus Fatih Akins Film "Tschick" nach einem Roman von Wolfgang Herrndorf - Maik, Isa und Tschick liegen auf einer Decke © picture alliance

Weder hier noch dort: Fluchtpunkte der Jugend in Literatur und Film

Stand: 23.07.2021 12:00 Uhr

Eines ist allen Orten, an denen sich Heranwachsende sowohl in Literatur und Film als auch in der Realität aufhalten, gemein: Sie markieren einen Raum des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen.

von Janek Wiechers

Geht man durch die Stadt oder das Dorf, dann fallen sie ins Auge: kleine Grüppchen pubertierender junger Menschen. Gerne suchen sie sich ihr ganz spezielles Plätzchen zum Quatschen, zum Knutschen oder um heimlich Kippe zu rauchen. Treffpunkte speziell für junge Leute sind rar. Und weil sie nicht so recht wissen, wohin sonst, hängen sie eben auf Parkbänken ab, auf Supermarktparkplätzen, an Bushaltestellen, in Abbruchhäusern oder auf Kinderspielplätzen.  

Freiheitsdrang und Unangepasstheit

Es gehört zum Wesen des Heranwachsens, sich Orte zu suchen, an denen sich - möglichst ungestört von Erwachsenen - mit Gleichaltrigen Zeit verbringen lässt. Es sind gleichsam "Nischen im öffentlichen Raum", die erobert werden. Ein Thema, das sich auch in der Kunst niederschlägt. Besonders in Literatur und Film.

Jugendliche flitzen auf Brettern, unter die Rollen geschraubt sind, über staubigen Asphalt. Straßen, Bürgersteige und riesige Abwasserrohre sind ihr Revier. Los Angeles, Kalifornien, im Jahre 1975. Es sind braun gebrannte, langhaarige Teenager, die fast entrückt, schwerelos wirken. Sie hat der US-amerikanische Fotograf Hugh Holland in faszinierenden Bildern festgehalten. Er fotografierte junge Skateboarder, als Teil einer damals ganz neuen jugendlichen Subkultur, die sich ihre eigenen Nischen in der Stadt schuf. Das Skateboarding ist bis heute Ausdruck adoleszenter Unangepasstheit und Freiheitsdrang. Hughs Bilder zeigen diese Sphäre, die Jugendliche irgendwo zwischen 13 und 19 Jahre alt, abseits der Erwachsenenwelt für sich eroberten.

Schier endlose Straßen, Strandpromenaden und riesige Parkplätze - das ist auch die Welt, in der Cathrine Hardwickes Spielfilm "Dogtown Boys" von 2005 angesiedelt ist. Er erzählt die wahre Geschichte einer Gruppe junger Skateboarder. Sie suchen sich darin ihre ganz eigenen Nischen für ihr rebellisches Hobby: Sie brechen in fremde Gärten ein, um in leeren Swimmingpools zu skaten. Erwachse kommen in dieser jugendlichen Parallelwelt nur als Störfaktor vor - dann nämlich, wenn sie sie bei ihrem illegalen Tun erwischen.

Die Suche nach Möglichkeiten der Entfaltung - ein zeitloses Motiv

Ganz andere urbane Räume sind es, in denen sich die jungen Protagonisten in Hark Bohms Film "Nordsee ist Mordsee" von 1976 herumtreiben. Ihr Revier sind trostlose Plätze zwischen grauen Wohnhochhäusern, gesichtslose Supermärkte und triste Kinderspielplätze. Bohms Jugendliche stromern weitgehend unbehelligt von Erwachsenen auch im Hamburger Hafen umher - es ist ihr ganz eigener, abseitiger Abenteuerspielplatz. Der Film erzählt die Geschichte vom 14-jährigen Uwe, der von seinem Vater geprügelt wird. Er hat wie der schüchterne Tschingis das Gefühl, nicht dazuzugehören. Gemeinsam beschließen die Kinder, mit einem selbstgebauten Floß über die Elbe aufs Meer abzuhauen.

Ob in der Stadt oder der Natur: Jugendliche, die sich Orte suchen, in denen sie sich entfalten können, weil sie keinen Platz finden, dort wo die Erwachsenen agieren - es ist ein zeitloses Thema. Schon Mark Twains Roman "Adventures of Huckleberry Finn", erschienen 1884, spielt mit diesem Motiv. Huck Finn, die Hauptfigur, durchstreift darin die Gegend, schläft in leerstehenden Häusern und in der Natur, um einem ewig betrunkenen Vater zu entkommen.  Zusammen mit dem entflohenen Sklaven Jim begibt sich Huck auf Abenteuerfahrt über den Mississippi, abseits der Erwachsenenwelt.  

"Da hab’ ich gewußt, ich hab' meine Ruh. Jetzt ist keiner mehr hinter mir her. Ich hab' meine Sachen aus'm Kanu geholt und hab' mir im Dickicht vom Wald 'n hübsches Lager gemacht. Wie's finster war, bin ich am Lagerfeuer gehockt und hab' geraucht und mich recht wohl gefühlt. Ich war ja hier der Boss, alles hat sozusagen mir allein gehört." aus "Die Abendteuer des Huckleberry Fin"

Orte des Übergangs: Vom Kind zum Erwachsenen

In Wolfgang Herrndorfs herrlich-skurrilen Entwicklungs-Roman "Tschick" von 2010 suchen sich junge Menschen ebenfalls ihre eigenen Nischen. Hier wird ein geklauter Lada Niva zum Treffpunkt der beiden 14-Jährigen Maik und Andrej. In dem gleichsam literarischen Roadmovie ist der gestohlene Wagen das Vehikel, das die beiden Heranwachsenden herausträgt aus der Welt der Erwachsenen. Das Auto wird zum Schutzraum, in dem sie ihren Freiheitsdrang entfalten können.

Eines ist allen Orten, an denen sich Heranwachsende in Literatur und Film aufhalten, gemein: Sie sind nicht von Dauer. Sie markieren einen Raum des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen. Es sind wichtige Orte der Entwicklung, an denen die Akteure sich verändern, um sie schließlich gereift wieder zu verlassen.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 23.07.2021 | 09:20 Uhr

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