Stand: 05.08.2020 06:00 Uhr  - NDR Kultur

Das Leben der Straßenfotografin Vivian Maier

Vivian
von Christina Hesselholdt, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Vorgestellt von Lisa Kreißler

Über 150.000 Fotos schoss die französischstämmige US-Amerikanerin Vivian Maier in den 83 Jahren ihres Lebens. Mit manischer Geschäftigkeit dokumentierte sie den Alltag in den Straßen New Yorks und Chicagos. Offiziell arbeitete sie als Kindermädchen. Als sie 2009 in ärmlichen Verhältnissen starb, kannte niemand ihre Bilder, viele Filme waren nicht einmal entwickelt. Erst bei einer Auktion ihres Nachlasses wurde klar, dass Vivian Maier eine der spannendsten Straßenfotografinnen des 20. Jahrhunderts war. Die dänische Schriftstellerin Christina Hesselholdt legt jetzt eine literarische Biografie über Vivian Maier vor, eine Spurensuche aus vielen Perspektiven.

Cover des Buchs "Vivian" von Christina Hesselholdt © Hanser Berlin
Die Dänin Christina Hesselholdt erzählt das Leben der amerikanischen Hobby-Fotografin Vivian Maier aus verschiedenen Perspektiven.

Ein bisschen kommt es einem so vor, als hätte sich Christina Hesselholdt beim Schreiben ihrer Biografie vor allem vom Schritttempo Vivian Maiers leiten lassen. Denn die Frau, die Hesselholdt in springendem, hastigem Duktus einzufangen versucht, ging schnell. Ihre Arbeit als Kindermädchen war mit den eiligen Streifzügen der Hobbyfotografin durch die Straßen Chicagos nicht immer leicht zu vereinbaren. Eine ihrer Arbeitgeberinnen berichtet:

Als ich kürzlich aus der Redaktion zurückkam, hatte sie Ellens alten Buggy aus der Garage gezogen und stand in der Einfahrt und wischte ihn mit einem Lappen ab. Sie sagte, Ellen laufe so langsam, da sei es einfacher, sie durch die Gegend zu schieben. "Viv", sagte ich, "sie ist sechs! Sie müssen eben einfach ein bisschen langsamer laufen." Zitat aus "Vivian"

Langsamer laufen, das kommt für Vivian nicht in Frage, so wie es für Christina Hesselholdt nicht in Frage kommt, uns das Leben Vivian Maiers aus der zurückgenommenen Sicht der Biografin zu präsentieren. Schon in ihrem vor zwei Jahren auf Deutsch erschienenen Roman "Gefährten" arbeitete Christina Hesselholdt mit verschiedenen Erzählerstimmen.

Unterschiedliche Stimmen erzählen von der Einzelgängerin

"Vivian" bewegt sich nun noch dichter an der Schnittstelle zum Drama. Die Erzählung setzt sich zusammen aus Monologen. Da sprechen die Familienmitglieder, deren Haushalt Vivian als störrischer Kindermädchengeist durchwandert, da spricht der übermütige Erzähler, immer bereit, ein bisschen mehr über Miley Cyrus oder sich selbst zu plaudern als über diese tote Einzelgängerin. Aber dann spricht da natürlich auch Vivian selbst, in deren Zimmer sich die Zeitungen bis zur Decke stapeln, die ihre Tür vor den anderen Menschen verschließt, und die sich so sehr wünscht, nichts zu übersehen.

Als Kind erschien es mir unbegreiflich, wie irgendetwas passieren konnte, ohne dass ich dabei war und es sah. Zitat aus "Vivian"

Die Kamera als Waffe gegen die Welt und Traurigkeit

Vivian Maier wuchs im New York der 30er-Jahre in einer Migrantenfamilie auf. Die französische Mutter verließ den Vater, als Vivian vier war. Vivians Bruder Carl, ein schwieriger, suchtanfälliger Charakter, wird von der Mutter sich selbst überlassen. Vivian lebt an der Seite einer lethargischen Frau, die ihr Unglück nicht vor dem Kind zu verbergen versucht. Aber da ist ja noch ihre Freundin, die Fotografin Jeanne Bertrand. Sie drückt Vivian eine Kamera in die Hand. Ihr Leben lang wird diese Kamera die Waffe sein, mit der Vivian Maier sich der Welt erwehrt - und ihrer eigenen Traurigkeit.

Ich habe Lust, mich auf den Boden zu werfen und dem Leben zuzurufen, ich ergebe mich, deine Bedingungen sind zu streng. Zitat aus "Vivian"

Vivian Maier holte sich selten die Erlaubnis der Menschen ein, auf die sie ihre Kamera richtete. Die Schriftstellerin Christina Hesselholdt nutzt diese Grenzüberschreitung, um die große moralische Frage auch auf ihr eigenes Medium zu richten. Was ist das größere Verbrechen: Jemanden ungefragt zu fotografieren oder über ihn zu schreiben, wenn er tot ist?

Entdeckung der Schwarz-Weiß-Fotos nach Maiers Tod 2009

Kurz nach ihrem Tod 2009 wurde der Nachlass Vivian Maiers billig versteigert. Als die vielen Filme, die sie zurückließ, entwickelt wurden, war die Aufregung groß. Ihre schwarz-weißen Straßenaufnahmen fanden schnell in die Museen, Dokumentarfilme wurden gedreht - und jetzt auch noch eine Biografie. Ob Vivian Maier wollte, dass ein solcher Rummel um ihre Person entsteht, ist schwer zu sagen. Wirklich nahe kam ihr niemand. Und sogar ihre Selbstporträts sind verrätselt, selten ist sie darauf direkt zu sehen, meist ist sie nur eine Spiegelung im Motiv.

Und da stehe ich im Miniaturformat ganz oben im Überwachungsspiegel des Supermarktes, für all die Waren empfänglich, und der Teufel flüstert mir ins Ohr: Spring, und alles gehört dir. Zitat aus "Vivian"

Auch Christina Hesselholdt zeigt uns Vivian als Spiegelung. Indem andere über sie sprechen, entsteht ein fragiles, durchscheinendes Bild, nie ganz greifbar, als würden wir diese Frau mit der Kamera durch die Glasfront eines Cafés betrachten. Kurz ist sie da, drückt auf den Auslöser, dann lässt sie die Kamera sinken und verschwindet aus unserem Blickfeld, weil sie es eilig hat, weil sie weiter muss.

Vivian

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Berlin
Bestellnummer:
978-3-446-26589-9
Preis:
21 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 05.08.2020 | 12:40 Uhr

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