Stand: 06.01.2020 10:30 Uhr  - NDR Kultur

Sticken ist wie Gottesdienst

Violet
von Tracy Chevalier, aus dem Amerikanischen von Anne Rademacher
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Sie hat den Roman "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" geschrieben, der in 39 Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt wurde: Tracy Chevalier. Sie wurde 1962 geboren, wuchs in Washington D.C. auf, studierte Englisch und lebt heute mit ihrer Familie in London. In ihrem neuen Roman erzählt sie vom stoisch ertragenen, oft harten Lebensalltag der Frauen in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Violet heißt ihre Hauptfigur und so lautet auch der deutsche Titel ihres neuen Romans.

Manchmal ist es interessant, auch die Danksagung am Schluss eines Buches zu lesen. Tracy Chevalier bedankt sich am Ende ihres Romans "Violet" bei einem Mann namens Keith Bain:

...dafür, dass ich seinen Namen benutzen durfte. Keith ersteigerte bei einer Auktion für den Freedom From Torture Fund das Vorrecht, eine Romanfigur nach sich benannt zu haben. Die ausgezeichnete englische Stiftung kümmert sich um die Behandlung und Rehabilitation von Folteropfern. Keith ging mit mir und Violet ein großzügiges Risiko ein. Leseprobe

England nach dem Ersten Weltkrieg

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In "Violet" erzählt die Autorin Chevalier vom schwierigen Alltag der Frauen in Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg.

Im Roman gehört er zu einer Gruppe von Männern, die in der Kathedrale von Winchester die Glocken läuten. Es ist eine Zeit, in der manche Frauen unverheiratet bleiben, weil im Krieg so viele Männer gefallen sind. Er bewirbt sich um Violets Gunst. Aber Violet hat sich unerlösbar in den verheirateten Arthur verliebt. Keith wird später Maureen, eine Kollegin von Violet, heiraten. Für Violet kommt die Ankündigung der Hochzeit wie aus heiterem Himmel:

"Warum überrascht dich das?", schnaubte Maureen. "Du hast uns schließlich miteinander bekannt gemacht." Violet würde sich erst noch daran gewöhnen müssen, dass von Keith Bain nun nur noch als Keith gesprochen wurde. Er war ein Mann, zu dem ein Nachname passte. Und er heiratete Maureen ... "Wie schön. Herzlichen Glückwunsch euch beiden." "Danke. Keith bringt mich zum Lachen. Und zum Nachdenken." Leseprobe

Verliebt in einen verheirateten Mann

Was will man mehr? So viel Glück hat Violet in ihrem Leben vorerst nicht. Sie ist nach dem Tod ihres Bruders im Krieg und dem Tod ihres Vaters sehr tapfer einer herrschsüchtigen Mutter entflohen und allein von Southampton nach Winchester gezogen. Sie lebt nun in einer Pension für alleinstehende Frauen unter dem strengen Regiment einer Wirtin und mit einem so schmalen Verdienst, dass sie oft Hunger leidet, weil das Geld nicht jeden Tag für eine Mahlzeit reicht. Sie flieht oft in die Kathedrale von Winchester, deren erhabene Schönheit sie tröstet. Dort sieht sie bestickte Kissen und erlebt eine Andacht für die Frauen, die diese beeindruckenden Kunstwerke gefertigt haben. Sie schließt sich den Stickerinnen an.

Trostsuche in der Kathedrale

Diese Beschäftigung ist beruhigend und tröstlich, allein schon durch die tiefe Konzentration auf etwas anderes als die Nöte der eigenen Person. Louisa Pesel, eine Romanfigur, die es in Winchester wirklich gegeben hat, weist sie in die komplizierte, schwer zu lernende Kunst des Stickens ein:

"Betrachten Sie das Sticken wie einen Gottesdienst. Draußen auf dem Altar oder im Chor sieht man die perfekte, prunkvolle Inszenierung, Prozessionen, Gebete, Gesang und die Predigt - alles ist wunderbar choreografiert." Leseprobe

Im Kleinen entsprechen die Stickereien genau dieser Schönheit, sind ein Teil davon. Violet verbringt viel Zeit damit, sich in der Frauengruppe der Stickerinnen zu behaupten und ihr übriges Leben zu meistern. Ein zusätzlicher Grund, warum es sie so oft zur Kathedrale zieht, ist Arthur, der dort die Glocken läutet.

Ein weiter Weg zur Gleichberechtigung

Sie verlieben sich ineinander, aber Arthur wird seine Frau niemals verlassen. Tessa hat ein schweres Nervenleiden, seitdem ihr Sohn im Krieg gefallen ist, und sie ist Arthur einfach anvertraut. An den Wochenenden fährt Violet brav zur tyrannischen Mutter, die keine Gelegenheit verstreichen lässt, der Tochter ihre Missbilligung zu zeigen.

Das alles ist von Tracy Chevalier warmherzig, lebensklug erzählt. Man spürt, dass wir Frauen nun auf den Schultern dieser Generation stehen und vieles an der damals erkämpften Gleichberechtigung heute schon als selbstverständlich erleben. Das ist zu lesen, wie man eine lang ersehnte Tasse Tee als belebend empfindet.

Violet

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00747-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.01.2020 | 12:40 Uhr

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