Stand: 03.03.2017 09:30 Uhr

Schneeweiße Schönheit

von Guido Pauling

Der Naturfotograf Vincent Munier hat sich auf besondere Weise spezialisiert: Landschaften aus Schnee und Eis sind sein bevorzugtes Motiv. Auf der Suche nach völliger Einsamkeit und Schönheit der Wildnis hat der 40-Jährige unter anderem Island und Spitzbergen bereist - und das waren noch die zivilisiertesten Gegenden, in denen er unterwegs war. Für seine Bilder hat Munier den Norden Grönlands, Alaska und die kanadische Arktis besucht, dabei Temperaturen von bis zu minus 50 Grad Celsius getrotzt und nun einen Bildband vorgelegt, wie es ihn selten gibt: Sein Buch "Im eisigen Weiß" verzichtet beinahe vollständig auf Farbe - und zeigt Bilder von ungeahnter Schönheit.

Fotografien wie Gemälde

Weiß.
Helles und dunkles Weiß.
Waagereche Linien aus weißem Schneestaub, mal dichter, mal feiner strukturiert. Es könnte abstrakte Kunst sein, Rothko-Gemälde ohne jegliche Farbe. Oder Schraffur-Übungen der Klasse einer Kunsthochschule, in Kohle gezeichnet mit dem schwächstmöglichen Andruck.
So muss das Nichts aussehen.

Doch dann, auf dem siebten Bild, sind da diese hellgrauen Punkte auf der weißen Ebene, vor dem dunklen Grau des dahinterliegenden Berges - Polarwölfe. Ein Bild weiter wieder nur Weiß, soweit das Auge reicht, sanft gewellt und durchzogen von schwarzem Geröll.

"In manchen Augenblicken ist die Stille absolut, fast beängstigend. Erst jetzt bemerke ich, dass das leiseste Knirschen meiner Schritte im Schnee nachhallt, und ich stelle mir vor, wie ich einen Eisbären wecke, der ein paar Kilometer entfernt hinter einem Eishügel schläft." Leseprobe aus Muniers Expeditionstagebuch

Kein Text stört die Motive

Der Bildband kommt im Schuber, zusammen mit einer weißen Fibel: Vincent Muniers Expeditionstagebuch. So stört keine Bildunterschrift, kein Text die blasse Schönheit der Fotografien, da Muniers Notizen ins beiliegende Tagebuch ausgelagert und dort auch Ort und Zeit jeder Fotografie verzeichnet sind.

"Eines Abends bin ich von Dutzenden von Schneehasen umgeben. Die Szene hat etwas Idyllisches, dabei herrschen minus 40 Grad. Flach auf dem Eis liegend, warte ich ab. Sie beachten mich nicht und leben ihr Hasenleben nur ein paar Meter von mir entfernt. Ich kann sie streicheln: welch ein Privileg". Leseprobe aus Muniers Expeditionstagebuch

Eine tiefstehende Sonne beleuchtet die Schneehasen auf dem Eis, kleine weiche Kugeln, die lange Schatten werfen und ovale Pfotenspuren im dünnen, silberglitzernden Schnee hinterlassen. Einige Alpenschneehühner versammeln sich um einen bizarr geformten, trockenen Ast.

Weit in der Ferne - ein dunkel-weißer Fleck auf grauweiß verschneitem Untergrund - steht eine Eisbärenmutter mit ihrem Jungen. Beide schauen zum Fotografen herüber, die Richtung ihrer Blicke nur erkennbar an je zwei schwarzen Knopfaugen und der großen schwarzen Nase. Ein paar Buchseiten weiter zwei Eisbären, eng umschlungen in der Kälte dösend; dank Teleobjektiv sind ihre Köpfe wie für ein Doppelporträt ganz nah herangeholt. Weiße Streifen auf den Bildern, immer wieder quer wehende Verwischungen - Spuren des stetigen, eisigen, unablässigen Polarwindes.

Ein gefährlicher Moment

"Der achte Tag. Minus 47 Grad. Meine Stimmung ist am Boden. Dann dieser Anblick: Weit vor mir tanzen gelbe Punkte mitten im Eisnebel. Eine Meute von neun Polarwölfen greift mich in vollem Tempo an! Nach ein paar Minuten haben sie mich erreicht, laufen um mein Zelt. Ich fühle mich wie ihre Beute." Leseprobe aus Muniers Expeditionstagebuch

Ein besonders struppiger Polarwolf umkreist den Menschen mit geducktem Kopf. Eisklumpen kleben an seinem Barthaar rund ums Maul. Aus dem dichten, weiß-grau-beige-farbenen Fell rieseln Schneeflocken. Grell-golden schneiden Sonnenstrahlen hinter seinem Rücken hervor, werfen ein gleißendes Licht auf diese Szenerie, in der die Wölfe ihre Beute mit Blicken durchbohren, taxieren, abschätzen, ob sich ein Angriff lohnt auf dieses fremde Wesen, das mit einem merkwürdigen schwarzen Apparat vor Augen ununterbrochen Klickgeräusche macht.

Auf einmal: Abzug, ein Wolf hascht spielerisch nach einem anderen, ein dritter schlägt mit der Rute; Eis glitzert, das Rudel zieht weiter, bald verschluckt von milchigem Dunst, von Unendlichkeit, in eisigem Weiß.

Im eisigen Weiß

von Vincent Munier, aus dem Französischen von Jörn Pinnow
Seitenzahl:
312 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Zwei Bände gebunden und broschiert im Papierschuber.
Verlag:
Knesebeck Verlag
Bestellnummer:
978-3-86873-990-9
Preis:
68,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 05.03.2017 | 17:40 Uhr

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