Stand: 11.06.2020 11:26 Uhr

Die Glut des Außenseitertums

"Hitze" von Victor Jestin, aus dem Französischen von Sina de Malafosse

Vorgestellt von Benedikt Scheper

Der Sommer steht vor der Tür, Menschen denken sehnsüchtig an Sonne, Strand, Meer und an unbeschwerten Urlaub, den es in diesem Jahr für viele nicht gibt. Wie sich ein solcher Urlaub in einer Nacht für einen Jugendlichen wandelt, ist in einem spannenden Sommer-Roman zu lesen: In seinem Heimatland Frankreich wurde das Roman-Debüt des 26-jährigen Victor Jestin sehr gelobt. Manche Kritiker zogen gar Vergleiche zu Albert Camus und dessen  Meisterwerk "Der Fremde". Nun ist "Hitze" auf Deutsch erschienen.

Fast scheinen die Seiten zu glühen, wie Asphalt unter sengender Sonne. Exzellent gelingt es dem Autor, diese flirrende Hitze, die sonnenmilchige Atmosphäre eines Campingplatzes an der französischen Atlantikküste zu beschreiben. Im Zentrum steht der siebzehnjährige Ich-Erzähler Léonard. Er ist ein sensibler Außenseiter. Allerdings ein freiwilliger. Statt Pop-Hymnen seiner Generation hört er lieber Wagner. Während seine Altersgenossen ihre glänzenden Körper präsentieren und nach amourösen Abenteuern lechzen, wählt Léonard die Rolle des einsamen Voyeurs. Sie wird ihm schließlich zum Verhängnis.

"In siebzehn Jahren kaum Dummheiten. Keine wirklich große Dummheit. Ich hatte nie betrogen, geklaut, geschlagen. Nur selten beleidigt. Hass und Wut hatte ich brav in mir angesammelt. Es war kein Unfall. Ich hatte Oscar sterben lassen. Ich hätte ihn retten können und hatte es nicht getan. Danach hatte ich seinen Körper versteckt. Ich wusste nicht einmal mehr, warum." Leseprobe

Ein Geheimnis wird zum Gefängnis

Als Léonard in der letzten Nacht vor der Abreise beobachtet, wie sich ein Gleichaltriger in den Seilen einer Schaukel stranguliert, guckt er emotionslos zu. Ohne Grund vergräbt er die Leiche in einer Düne und trägt fortan das Mobiltelefon des Toten mit sich. Doch nicht nur das. Die Last dessen, was er getan oder eben nicht getan hat, wiegt schwer. Das Geheimnis wird zum Gefängnis. Ob bei der Mutter des Verschwundenen, bei seinen eigenen Eltern oder beim Personal, immer wieder versucht Léonard zu gestehen, sagt aber nichts. Unsicher in seiner pubertären Entwicklung, überfordert vom Druck seitens Familie und Altersgenossen, sich permanent zu amüsieren, zieht er sich immer mehr zurück.

"Ich dachte über Tinder nach. Es war mir nie in den Sinn gekommen, ein Profil anzulegen. (...) Ich hatte mich nie getraut. Obwohl es mich gezwungen hätte zu flirten. Ich hätte mich verpflichtet gefühlt. Sie hätten nach Anzeichen der Lust gesucht, tief in meinen Augen und unter meiner Badehose. Aber wie sollte ich bei dieser Hitze jemanden umarmen, meine Haut an die von jemand anderem schmiegen? Meine eigene war mir schon unerträglich. Sie triefte vor Schweiß und ich sog ihren Gestank ein, um mich am Ekel zu berauschen und an der Lust allein zu sein." Leseprobe

Klare Sprache für ein gewaltiges Ereignis

So schweift die Hauptperson als Solitär durch ein Gute-Laune-Soziotop. Der teils verächtliche Blick des Jugendlichen auf seine Umgebung erinnerte vor allem französische Kritiker an die zynischen Texte Michel Houellebecqs. Doch der Vergleich hinkt etwas. Während der ältere Schriftsteller oft die Frustration gesellschaftskritischer Hauptpersonen schildert und sich dabei gern deftiger Fäkalsprache bedient, kreist Victor Jestin in klarer schlichter Sprache um ein gewaltiges Ereignis in einer sonst ereignislosen Pubertät. Damit erinnert der junge Autor inhaltlich und stilistisch eher an Benjamin Lebert und dessen Sensationsdebüt "Crazy". Bei Jestin münden Selbstzweifel schließlich in eine existenzielle Adoleszenzkrise. Am liebsten würde sich Léonard auflösen, wie beim Sprung in den Pool.

"Ich ließ mich bis zum Boden sinken. (...) Das Blau dämpfte das Sonnenlicht und das Gelächter, als wären es schon Erinnerungen. Hier konnte ich bleiben, den Mund voller Chlor. Eine Person weniger auf dem Campingplatz, das merkte niemand."

Hitze

von Victor Jestin, aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Seitenzahl:
158 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kein & Aber
Bestellnummer:
978-3-0369-5828-6
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.06.2020 | 12:40 Uhr

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