Véronique Ovaldé: "Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln" (Cover) © FVA

Véronique Ovaldé: "Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln"

Stand: 09.03.2021 15:26 Uhr

Gäbe es einen Preis für besonders neugierig machende Buchtitel, Véronique Ovaldé wäre sicher unter den Nominierten. "Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln" heißt ihr neuer Roman.

von Katja Weise

Was ist ein Lächeln? Ein dem Lachen ähnlicher Gesichtsausdruck, der Freude erkennen lässt - so lautet die Definition im Duden. Ein Lächeln könne aber auch eine Maske sein, sagt Véronique Ovaldé. Eine Maske, hinter der sich Gloria, die alleinerziehende Mutter, die im Zentrum von Ovaldés Roman steht, geschickt zu verstecken weiß.

Ein Lächeln kann eine Maske sein

Ihre ältere Tochter Stella scheint das zu spüren, jedenfalls macht die Fünfzehnjährige ein Experiment. Eine Woche lang versagt sie sich jedes Lächeln:

Ein Lächeln genügt und alle glauben, Du bist harmlos. Gestern, als ich mit dem Fahrrad zum Einkaufen ins Kaff gefahren bin, habe ich nicht ein einziges Mal gelächelt, und alle haben sich unwohl gefühlt. Das solltest Du mal ausprobieren, anstatt so verzweifelt die ganze Welt anzulächeln. Leseprobe

Doch Gloria hat ihre Gründe, die "ganze Welt anzulächeln". Sie werden in diesem wie ein Thriller angelegten Roman nach und nach deutlich. Die Geschichte beginnt mit einer Flucht - wovor, wird sich erst ganz am Schluss zeigen. Innerhalb einer Stunde packt Gloria alles, was sie und ihre Töchter benötigen, darunter eine Waffe, die "Beretta ihrer großen Liebe", die später auch zu Einsatz kommen wird.

Entmystifizierung von Mütterlichkeit

Dann holt sie Stella und die sechsjährige Loulou mitten aus dem Unterricht und fährt nach Norden, ins Elsass. Hier hat sie als Kind viel Zeit bei der Großmutter verbracht, obwohl das Verhältnis gestört war. Weder ihrer Großmutter noch Glorias Mutter gelang es, jeweils Gefühle für die Tochter zu entwickeln:

Der Fluch der Schalck-Frauen. Sie bekommen Kinder, die ihnen gleich darauf egal sind. Was sie vage unglücklich macht; sie spüren, wie unzureichend sie die Mutterrolle erfüllen, und durch das Schuldgefühl werden sie entweder aggressiv, oder, in den falschen Momenten, demonstrativ fürsorglich und die restliche Zeit gefühllos. Leseprobe

Ihr gehe es in diesem Roman, so Véronique Ovaldé, auch um das Bild und die Entmystifizierung von Mütterlichkeit: "Von einer Mutter wird immer erwartet, dass sie liebevoll und zärtlich ist, dass sie nur an ihre Kinder denkt. Insofern hat mich dieser Prozess der Entmystifizierung sehr interessiert."

Gloria will dem "Familienfluch" entkommen: Sie verhält sich wie eine Pelikanmutter und nimmt sich vor, alles für ihre Töchter zu tun, sie zu "retten". Sie selbst hat sich durchgebissen, ohne die Mutter, die den Vater frühzeitig verließ und sich danach kaum noch meldete. Mit 17 traf sie Samuel - Liebe auf den ersten Blick. Doch er trinkt und kommt aus ihrer Sicht seinen Pflichten als Familienvater nur unvollkommen nach. Er stirbt vor Loulous Geburt bei einem Brand, die Umstände wurden nie geklärt.

Véronique Ovaldé führt ihre Leserschaft in die Irre

Véronique Ovaldé legt viele falsche Fährten. Sie erfindet neben dem charmanten, windigen Samuel einen zwielichtigen korsischen Anwalt und einen eifersüchtigen, wohlmeinenden Onkel, doch bleibt Gloria eine Einzelkämpferin und in ihrer Welt gefangen. Das Buch liest sich rasant, die Autorin setzt auf Spannung, und das funktioniert, obwohl sie die Erzählung konsequent durch Rückblenden unterbricht. Stück für Stück setzt sie das Puzzle zusammen. Und am Ende?

Sie lächelt immerfort, niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln, nicht wahr, sie spricht nicht mehr, hat nichts mehr zu sagen,denn die Dinge waren, als Gloria sie noch in Worte fasste, wirklich zu verschroben. Leseprobe

Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln

von Véronique Ovaldé, aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
FVA
Bestellnummer:
978-3-627-00283-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.03.2021 | 12:40 Uhr

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