Stand: 09.07.2020 09:57 Uhr  - NDR Kultur

Ein aufrüttelnder Roman aus Frankreich

Die Einwilligung
von Vanessa Springora, aus dem Französischen von Hanna van Laak
Vorgestellt von Katja Weise

Wäre dieses Buch vor 2017, also vor Beginn der #MeToo-Debatte erschienen, hätte es vermutlich weniger Aufmerksamkeit auf sich gezogen. So aber sorgte "Die Einwilligung" von Vanessa Springora Anfang dieses Jahres in Frankreich für viel Wirbel. Gabriel Matzneff, dort lange ein Liebling des Literaturbetriebs, ein hoch gelobter Autor, wird sich nun - infolge dieses Buchs - wegen seiner pädophilen Neigungen vor Gericht verantworten müssen. Jetzt ist "Die Einwilligung" auch auf Deutsch erschienen.

Seit so vielen Jahren drehe ich mich in meinem Käfig im Kreis, meine Träume sind voller Mord- und Rachegedanken. Bis zu dem Tag, an dem mir die Lösung endlich in die Augen springt: Ich muss den Jäger in seiner eigenen Falle fangen, ihn in ein Buch sperren. Leseprobe

So schreibt es Vanessa Springora im Prolog. Sie lernt G. M., wie sie den Autor in ihrem Buch konsequent nennt, als 13-Jährige kennen. Ihre Mutter arbeitet in der Verlagsbranche und nimmt die Tochter mit zu einem Abendessen:

Es hat mit Blicken begonnen, sehr beharrlichen Blicken. Das war eine ganz neue Situation. Kein Mann hatte mich bis dahin so angeschaut, da schwang so viel mit. Er hat mir das Gefühl gegeben, innerhalb weniger Momente zur Frau geworden zu sein. Leseprobe

Für G. M. ist es einfach, Mädchen zu bekommen

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Vanessa Springoras Roman "Die Einwilligung", erschienen im Blessing Verlag.

G. M. umwirbt das Mädchen, schreibt Liebesbriefe, zwei pro Tag. V., wie er sie später in seinen Büchern nennen wird, ist geschmeichelt. Die Eltern haben sich früh getrennt, das Verhältnis zum Vater ist gestört, er sei "nichts weiter als ein Luftzug", findet die Tochter. Vanessa Springora wächst bei der überforderten Mutter auf, das Geld ist knapp. Gezielt, so sagte Matzneff selbst einmal, suchte er sich "seine" Mädchen in dysfunktionalen Familien.

Was ich in G.s Armen entdecke, dieses bisher so unzugängliche Reich der Sexualität der Erwachsenen, ist für mich ein neuer Kontinent. Ich erforsche diesen Männerkörper mit dem Eifer einer Lieblingsschülerin, ich mache mir dankbar seine Lehren zu Eigen und konzentriere mich auf die praktischen Übungen. Ich habe das Gefühl, auserwählt zu sein. Leseprobe

Der Zeitgeist macht es G. M. leicht

Die Mutter reagiert zunächst entsetzt, als sie von dem Verhältnis erfährt, widersetzt sich dem jedoch nicht wirklich. Später lädt sie den Autor sogar häufiger zum gemeinsamen Abendessen ein. In den 70er- und auch noch in den 80er-Jahren gab es in Frankreich in der linken Intellektuellenszene eine Bewegung, die sich stark machte für die freie Entfaltung der Sexualität. Sie wurde unterstützt unter anderem von prominenten Autoren wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Sie forderten in dem Zusammenhang, das Strafrecht bei Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen zu lockern, Einvernehmen zwischen den Beteiligten vorausgesetzt. Doch kann man von einvernehmlichen Sex sprechen, wenn der Altersunterschied - wie im Falle von Springora und Matzneff - über 30 Jahre beträgt? Ihre Antwort ist ein klares "Nein":  

Um wählen, um nein sagen zu können, muss man frei sein. Aber kann man das mit 14? Ist man in einer Beziehung mit einem 50-jährigen wirklich gleichberechtigt? Ich glaube nicht. Deshalb würde ich sagten: Meine Einwilligung war nichts "wert", sie war nicht aufgeklärt. Leseprobe

Sie gibt anderen Betroffenen eine Stimme

Trotzdem ist "Die Einwilligung" keine wüste Anklage. Vanessa Springora hält sich an Fakten, erzählt, wie sie als 14-Jährige peu à peu in diese ungleiche Beziehung rutscht, wie aus Verführung Verliebtsein, aus Faszination eine feste Bindung wird, die das Mädchen nicht in Frage stellt, auch wenn es weiß, dass "anständige Leute" diese Liebe verurteilen. Täglich holt G. M. Vanessa von der Schule ab, sie trifft sich mit ihm im Hotel. Viele wissen Bescheid, niemand unternimmt etwas. Obwohl Matzneff offen über seine Neigungen schreibt und sich auch in Talkshows dazu äußert. Das ist erschütternd zu lesen und macht sprachlos. Es geht nicht nur um Sex, es geht auch um Macht und das konsequente und bewusste Ausnutzen der Schwachen. Die hohe Kunst von Vanessa Springora ist, dass sie dem etwas entgegensetzt. Sie findet ihre Sprache und gibt damit gleichzeitig auch den vielen anderen Betroffenen endlich eine Stimme:

Ich wollte ihn in ein Buchgefängnis sperren, weil er das auch mit mir gemacht hat und mit all den anderen Mädchen und Kindern. Meine Hoffnung ist, dass er meine Worte wahrnimmt, wenn ich ihn auf seinem eigenen Terrain begegne. Leseprobe

Die Einwilligung

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Blessing Verlag
Bestellnummer:
978-3-89667-683-2
Preis:
20,00 €

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