Stand: 15.12.2019 12:40 Uhr

Kinder auf der Flucht

von Marie Schöß
Valeria Luiselli: "Archiv der verlorenen Kinder" © Kunstmann A. Verlag
Valeria Luiselli beschäftigt sich damit, was Kinder empfinden, die in ein fremdes Land fliehen müssen.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Valeria Luiselli dieses Jahr vorstellte, an dem zu arbeiten sie aber schon im Sommer 2014 begonnen hat. 2014, das war das Jahr, in dem die Vereinigten Staaten ihre "Flüchtlingskrise" ausriefen. Landesweit wurde damals von Kindern berichtet, die allein an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ankamen. Sie stammten aus Honduras, Guatemala, El Salvador und suchten Schutz vor Gewalt, Armut, Kriminalität. Obama hieß der Präsident damals, aber ein freundliches Gesicht zeigten die USA an dieser Grenze auch unter ihm nicht.

Valeria Luiselli stammt selbst aus Mexiko

Luiselli, die selbst aus Mexiko-Stadt stammt, 2014 aber schon in den USA lebte und geflüchteten Kindern mit der Sprache und der Bürokratie half, konnte in diesem Sommer an nichts anderes denken als an diese flüchtenden, wartenden und irgendwie verlorenen Kinder. Also begann sie, über sie zu schreiben. "Archiv der verlorenen Kinder" heißt ihr Roman.

Es gibt Bücher, die uns sofort in die Haut eines anderen schlüpfen lassen - geschmeidig gleiten wir da hinab ins Denken und Fühlen eigentlich doch ganz entfernter Gestalten. Und es gibt andere Bücher, ehrlicher vielleicht, die wissen, wissen lassen, dass Einfühlung so leicht nicht gelingen kann, und dass der Versuch, sich hineinzudenken, hineinzuträumen in fremde Köpfe immer auch bedeutet: an Grenzen zu stoßen und zu scheitern. Ein solches Buch ist das "Archiv der verlorenen Kinder":

Roadtrip in den Süden der USA

Sie füllt den Raum im Auto mit der Wärme ihres kindlichen Atems und erzählt uns lange, unverständliche Geschichten. Dann wird sie recht unvermittelt still, vielleicht ist sie es leid, auf der Welt zu sein, sieht aus dem Fenster und schweigt. Ich weiß nicht, was sie denkt, was sie weiß und nicht weiß. Ich weiß nicht, ob sie dieselbe Welt sieht wie wir. Leseprobe

Wir, das sind die Eltern, ein brüchiges, vielleicht schon zerbrochenes Wir, als es das New Yorker Zuhause verlässt, um zum Roadtrip in den Süden der USA aufzubrechen: Er will die Geschichte der Apachen erkunden, sie den vermissten Kindern an der Grenze zu Mexiko nachgehen.

Aufnahmegeräte, Landkarten, Arbeitsutensilien sind also im Gepäck und zwei Kinder auf der Rückbank: ihre Tochter und sein Sohn. Aber das "ihr" und "sein", das "Halb-" und "Stief-" hat diese Familie nie in die eigene Grammatik aufgenommen, und vielleicht spüren sie es deshalb alle so deutlich, als das "Wir" plötzlich falsch klingt.

Reise zum Ursprung der Verluste

Diese Familiengeschichte, eine Geschichte vom Sich-Verlieren und Unterwegs-Sein, ist für Valeria Luiselli Ausgangspunkt, um sich an andere Verluste, andere Wege heranzutasten, weiter weg von ihrem Alltag und schwieriger nachzuempfinden: An die Wege der Kinder etwa, die auf sich allein gestellt aus Zentralamerika in die USA fliehen.

"Dieser Strang erzählt auf eine ganz andere Art von Migration, Vertreibung als der Roadtrip der Familie", erklärt Valeria Luiselli bei einem Besuch im Münchner Literaturhaus. "Vielleicht eher in der Tradition romanischer Literatur und damit meine ich: Dante. Dort bedeutet Reisen immer auch: Abstieg - in eine Art Unterwelt oder Hölle. Was hier also passiert, auf der Reise in den Norden, ist der Abstieg in einen politischen Limbo oder eine politische Hölle."

Aber Luiselli gleitet nicht sanft von einer Geschichte in die anderen. Sie bürdet ihrer Erzählerin ein Leben in Schlaflosigkeit auf und lässt sie in den Nächten über den Sinn- und Formfragen brüten, die wohl auch die Fragen der Autorin sind: Wie die Verschwundenen, das Verschwinden dokumentieren? Wie von flüchtenden Kindern erzählen, ohne ihre Leben auszubeuten? Wie die eigene Unsicherheit in die Form aufnehmen, gar nicht vortäuschen, dass die Gefühle eines Kindes, das sich allein den Weg durch die Wüste bahnt, überhaupt zu beschreiben wären? Vielleicht so:

Ein Archiv ist etwas Ähnliches wie ein Tal, das die eigenen Gedanken in veränderter Form zurückwerfen kann. Man flüstert Ahnungen und Gedanken ins Leere und hofft, eine Antwort zu erhalten. Und wenn man schließlich den richtigen Ton getroffen und die richtige Oberfläche gefunden hat, kommt manchmal, nur manchmal, tatsächlich ein Echo zurück, ein echter, klarer Nachhall. Leseprobe

Das Gefühl, verloren zu sein.

Luiselli lässt sich in ihrem Archiv von dem leiten, was ihr selbst nah ist und was sie den verlorenen Kindern vielleicht ein Stück näherbringt - den Kindern auf der Rückbank zum Beispiel. In ihre Köpfe schaut sie und stellt sich vor, wie sie - selbst noch Kinder - die sichere, wenn auch unglückliche, Reise mit den Fluchtgeschichten verknüpfen, von denen das Autoradio erzählt, wie sie an diese anderen Kinder denken, von ihnen träumen.

Sie lässt sich aber auch von Literaten leiten, die sich vor ihr an der Aufgabe versucht haben, Kindern eine Stimme zu geben, ohne ihren Schmerz zu verharmlosen. Sie testet Schreibweisen von Listen, Dokumenten bis zur Elegie, testet verschiedene Erzähler und Stimmungen. Sie scheitert - natürlich. Und doch gelingt es ihr, einen Nachhall im Leser zu erzeugen, der nach der Lektüre zwar nicht weiß, wie es sich anfühlt, als Kind auf der Flucht zu sein, der aber doch mit größerer Intensität erfährt, wie groß die Kluft ist zwischen dem eigenen Verlorensein und dem Gefühl dieser Kinder, das ebenso Verlorensein heißt, aber doch etwas ganz anderes bedeutet.

Archiv der verlorenen Kinder

von Valeria Luiselli, aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Antje Kunstmann
Bestellnummer:
978-3-95614-314-4
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.12.2019 | 12:40 Uhr

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