Stand: 16.09.2016 11:00 Uhr  | Archiv

Hannah Höch: Künstlerin der Moderne

Hannah Höch. Revolutionärin der Kunst. Das Werk nach 1945
von Ulrike Lorenz (Hrsg.)
Vorgestellt von Stefanie Groth

Die Dinge in eine ganz andere Perspektive setzen, indem man sie auseinanderschneidet und völlig neu zusammenfügt: Es waren die Dadaisten, die die Fotomontage für sich entdeckten. Insbesondere Hannah Höch, eine der wenigen Frauen im sonst ausschließlich männlichen Dunstkreis der Dada-Bewegung. Unter ihren Händen wurde die Fotomontage nicht nur zu einer eigenständigen Kunstform. Ihr gelang es wie sonst kaum jemandem, Kritik und Ästhetik zusammenzuführen. Ihre Montagen waren zugleich gewitzt, gesellschaftskritisch und schön anzusehen. Eine Retrospektive der Städtischen Kunsthalle Mannheim feierte Hannah Höch als "Revolutionärin der Kunst" und legt dabei den Fokus auf ihre Schaffensjahre nach 1945.

Zwischen Idylle und Schrecken

Hunderte, Tausende, Unzählige sind es, die dicht gedrängt beieinander stehen. Einige in Schockstarre, andere heben die Armee hoch, schreien in Todesangst. Aufgerissene Augen, offene Münder bei den einen, zum Gebet gefaltete Hände, geschlossene Augen bei den anderen - und alles steht in Flammen. An den Häusern, auch an den Menschen züngeln sie hoch. Flammen überall. "Weltbrand" hat die Künstlerin Hannah Höch dieses Gemälde in rötlichen Deckfarben benannt. Der Ort, an dem sie es um 1942 malte, könnte in keinem größeren Kontrast zur Zeichnung selbst stehen.

Überleben in den Kriegsjahren

Das alte Pförtnerhäuschen am Flugplatz in Berlin-Heiligensee. Das Haus samt Anbau und Veranda voller Kakteen verschwindet nahezu im über und über blühenden Garten. Hier, am Rande der Großstadt, findet Hannah Höch 1939 ihr Refugium. Sie muss untertauchen, ihr Werk gilt als "entartet". Hier überdauert sie die langen Kriegsjahre in großer Einsamkeit. Monate vergehen, ohne dass sie nur ein Wort spricht. Allein die Natur sichert ihr Überleben, spendet Trost, Nahrung und Motive für ihre Kunst. 

In diesem Garten überlebt nicht nur Höch selbst. Die Arbeiten der in alle Welt verstreuten Künstlerfreunde des Dada-Kollektivs, Briefe, Tagebücher vergräbt Höch eines Nachts eilig in zwei großen Kisten im Garten.

Hier das grünende Paradies voller Leben, drumherum der tobende, menschenverachtende Krieg. Bizarre Gegensätze ziehen sich wie ein Leitmotiv durch Hannah Höchs Kunst. Oft liegen Paradiesvorstellungen und Horrorvisionen nah beieinander - wie in ihrem Werk "Sturm".

Horrorvisionen und Paradiesvorstellungen

Wunderschöne, bunte Blumen werden vom Wind gepeitscht. Es ist düstere Nacht, Blüten fallen, Stängel brechen. Inmitten der zerzausten Blumenlandschaft zwei Menschen, nackt, die sich verzweifelt an den Blumen festhalten, aber keine Chance haben. Sie werden weggeweht, mitgerissen. Flucht, Untergangsvisionen, Enge und Einsamkeit dieser Zeit werden spürbar.

Ganz anders ihre Zeichnungen von Heiligensee. Ein Sonnenaufgang, der den Dorfsee in goldenes Licht hüllt, warme und helle Farben. In einer anderen Bleistiftzeichnung Kinder, die ausgelassen auf dem zugefrorenen See Schlittschuh laufen.

"Habe heute einen so friedlichen Sonntag verlebt. Erst Radio, dann gemalt bis zur Dämmerung. Dabei immer wieder Musik. Ein bisschen herumgekramt - Zigaretten gedreht. Beim Kramen habe ich eine Dose Vollmilch gefunden, tief versteckt. Das ist ein großer Genuss, der mir bevorsteht, Vollmilch habe ich viele Jahre nicht mehr zu schmecken bekommen und seit mehr als 2 Jahren auch keinen Tropfen Magermilch mehr", schreibt Höch im Januar 1946 in ihr Tagebuch.

Die Schönheit ihrer bunten Blumen, die üppige Vegetation, diese absurd idyllische Gegenwelt zu den realen Schrecken werden auch nach dem Krieg immer wieder Thema ihrer zeitlos anmutenden Collagen und Malereien. Höch experimentiert mit vielen Methoden, macht nie einen qualitativen Unterschied zwischen Fotomontage oder Zeichnung. Ihr Fokus liegt woanders: "Ich liebe das Abstrakte, weil es mich manchmal schneller ins Unsichtbare führt wie der Gegenstand." Hannah Höch beschränkt sich nicht auf einen Stil, lässt sich nicht beschränken. Nicht in der Kunst, nicht im Leben.

Einzige Frau im Kreise der Dadaisten

Ihr Vater, leitender Angestellter einer Versicherungsgesellschaft in Gotha, lässt sie 1912 nach Berlin gehen, schon das ist ungewöhnlich. Auch sonst ist sie in vielem ihrer Zeit voraus. Bewegt sich als Frau im Kreise der Dadaisten - die sie zwar schätzen, aber doch nie richtig ernst nehmen. Auch in der Retrospektive stand Höch lange im Schatten ihrer Dada-Kollegen wie Richard Huelsenbeck und Raoul Hausmann - mit dem sie liiert war, obwohl er Frau und Kind hatte.

Höch lässt sich von der Außenwelt nicht in ihrer Selbstwahrnehmung beeindrucken. Auch nicht, als sie feststellen muss, dass die Forderungen der Dadaisten nach Gleichheit von Mann und Frau nicht einmal für sie gelten. Sie hat mehrere Fehlgeburten, verlässt schließlich Hausmann. Nach der Trennung wandert sie zu Fuß von München nach Venedig, weiter nach Rom. Geht später eine Liebesbeziehung mit der niederländischen Schriftstellerin Til Brugmann ein. Löst sie wieder auf, heiratet den 20 Jahre jüngeren Pianisten Kurt Matthies und lässt sich 1944 scheiden. 

"Mich hat nicht so sehr die emanzipierte Frau interessiert, sondern mehr die leistungsfähige Frau, und die habe ich immer irgendwie präsentieren und festhalten wollen. Dazu gehört Leistung auf jedem Gebiet. Ob nun als Schauspielerin, Tänzerin, Malerin, das würde ich ganz gleich werten. Und Ehe und Familie sehe ich keineswegs als unnütze Institutionen." Leseprobe

Eine Kämpferin - keine Feministin

Höch stirbt 1978 in ihrem Haus in Heiligensee im Alter von 88 Jahren. Sie war eine Kämpferin, aber nie Feministin. Auch wenn sie im Rückblick gern als eine solche gesehen wird. Wegen ihres emanzipierten Lebensweges, wegen ihrer Collagen, mit denen sie immer wieder das von Werbung und Medien vorgelebte Frauenbild hinterfragte. Das tat sie mit viel Ironie und doch nie respektlos.

Im Gegenteil. Es spricht eine Wärme und Klugheit aus ihren Arbeiten und die Liebe zum Leben. Schönheit und Hässlichkeit gleiten bei ihr auf bizarre Weise ineinander über. Sie zu betrachten ist oft wie die ersten Sekunden, in denen man aus einem Traum erwacht. Man sieht zwar alles noch genau vor sich, aber je mehr man versucht, sich darauf einen Reim zu machen, desto mehr entgleiten die Bilder, verschwimmen. Was bleibt, ist ein Gefühl.

Höchs Werk umfasst viel mehr als ihre frühen Dada-Collagen, für die sie vor allem bekannt ist, und das macht der Bildband deutlich. Den Machern hätte man dennoch mehr Mut gewünscht. Den Mut, Höchs Werken Raum zu lassen, für sich selbst zu sprechen. Der Band ist sehr bemüht, ihr Wirken kunsthistorisch einzuordnen, ihr die Anerkennung als "Revolutionärin der Kunst" zukommen zu lassen, die ihr zeitlebens verwehrt blieb. Zu bemüht. Dabei wären viele Worte gar nicht nötig gewesen. Hier und da sind Zitate von Höch alles, was es braucht, um ihr in ihre Kunstwerke folgen zu können:

"Ich möchte die festen Grenzen verwischen, die wir Menschen, selbstsicher, um alles uns Erreichbare zu ziehen geneigt sind." Leseprobe

Hannah Höch. Revolutionärin der Kunst. Das Werk nach 1945

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Edition Braus
Bestellnummer:
9783862281398
Preis:
34,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.09.2016 | 17:40 Uhr

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