Stand: 03.08.2020 06:00 Uhr  - NDR Kultur

Von Monstern, die in Kindheiten einbrechen

Monster wie wir
von Ulrike Almut Sandig
Vorgestellt von Marie Schoeß

Ulrike Almut Sandig ist bisher als Klangkünstlerin, Lyrikerin bekannt - und Klang, Musik, Poesie sind auch für diesen Erzähltext ganz wichtig. Aus dem ersten Titelentwurf "Mondscheinsonate" für ihren Roman wurde später die "Symphonie vom Mond" und am Ende: "Monster wie wir". Im Lyrischen findet Sandig also eine Sprache, um vom Monströsen dieser Welt zu erzählen. Das führt den Leser zuerst in ein Pfarrershaus in der ehemaligen DDR - das Zuhause von Ruth und ihrem Bruder.

Cover des Buchs "Monster wie wir" von Ulrike Almut Sandig © Schöffling & Co.
Ulrike Almut Sandig schildert den Missbrauch von Ruth in einem Pfarrershaus in der DDR.

Kinder, immerhin die Kinder dieses Romans, mögen noch nicht viel von der Welt gesehen haben, aber sie kennen sehr wohl den Unterschied zwischen Klaps, Ohrfeige und ernst zu nehmender Kloppe. Um Kloppe gekriegt zu haben, das stellt Ruths Bruder klar, muss schon etwas bleiben - ein Abdruck, ein blauer Fleck, irgendein Mal der Gewalt eben. Die Ohrfeige ist das natürliche Ende eines Gesprächs. Und einen Klaps erkennt man am Geräusch, das nicht unbedingt Kraft, aber Präzision erfordert.

Über die verschiedenen Arten, Kinder zu brechen

Dieser Roman ist, auch wenn er mit zarten, mondversunkenen Bildern hier und da anders wirkt, ein Glossar der verschiedenen Arten, Kinder zu brechen.

Er schlug die Decke zurück, zog mir die Pyjamahose herunter und schlug mir auf den Hintern. … Als schlüge er auf einen defekten Automaten, oder als wäre er selbst ein Automat, der nur einen Arbeitsschritt, für den er konstruiert ist, durchführt. (…) Im Anschluss an seine erzieherische Pflicht zog er uns, zack, die Pyjamahose wieder hoch und, zack, die Decke bis zum Hals. Am nächsten Morgen wären die Abdrücke seiner Hand auf unseren Hinterteilen längst verschwunden. Leseprobe

Ruths Erinnerung folgt der Leser zuerst, und die Autorin, Ulrike Almut Sandig, kennt sich aus mit dem Erinnern: Das Ich, das da erzählt, ist nicht einfach die kleine Ruth, es ist aber auch nicht ganz die erwachsene, die erfolgreiche Musikerin, die längst nicht mehr im Elternhaus in der DDR ins Bett geht. Die Stimme scheint nicht trennen zu können, sondern beides zugleich oder immerhin im Wechsel zu tun: erleben und sich erinnern - daran zum Beispiel, wie der Großvater sie auf den Schoß zwang, um ihr den Hals "auszusaugen", und wie sie sich hütete, davon zu erzählen. Oder daran, wie sie sich mit Viktor anfreundete, dem Jungen, der - kaum zehn Jahre alt - schon faltig war und, wie sie selbst, aus Scham niemandem gestand, missbraucht zu werden.

Würde der Schwager erzählen, was Viktor alles hatte mit sich machen lassen? Wie er ihn ausgesaugt hatte, bis er sich so fühlte, als könne er nie, nie wieder die Augen öffnen und jemandem ins Gesicht sehen? (…) Hatte die Schwester es mitbekommen und war vielleicht böse? Würde sie petzen? Lieber Gott, betete Viktor, bitte mach, dass es keiner erfährt. Leseprobe

Schweigen über den Missbrauch - und Wegschauen

Sandig kreist das Schweigen aus verschiedenen Perspektiven ein: Sie lässt Ruth selbst erzählen, berichtet in der dritten Person von Viktor, der als Jugendlicher in Springerstiefel steigt, um endlich unangreifbar zu sein, und sich dann als Au-pair in einer Familie wiederfindet, die ebenfalls wegschaut, um nicht auseinanderzufallen. Unterbrochen wird Viktors Geschichte wiederum von kurzen Texten, geschrieben aus Sicht der Tochter dieser französischen Familie.

Die Nacht ist eine schwarze Schnecke. Maman ist eingeschlafen. Im Schlaf drückt sie meinen Kopf an ihre Brust. Ihre Hände liegen schwer auf meinen Ohren. Trotzdem höre ich alles. Nebenan heult Lionel. Ich höre auch das, was ich nicht höre. Von Papa kein Ton. Dabei ist er auch nebenan. Leseprobe

Die Autorin testet in diesem Roman verschiedene Stimmen, um von Monstern und Vampiren zu erzählen - von Menschen also, die in Kindheiten einbrechen. Und oft gelingt ihr das dank einer Sprache, die viele Spielarten kennt - vom Lakonischen bis zum Lyrischen.

"Monster wie wir:" Falsche Töne und zu viel Schmerz

Immer wieder aber schleichen sich falsche Töne ein: Bei Viktor fällt das gleich auf, wenn der Erzähler feststellt, der Junge habe für bestimmte Dinge keine Sprache, dann aber Gedankenreden referiert, die ohne Stocken, Stottern auskommen. Die Passagen aus Sicht des französischen Mädchens geraten noch unglaubwürdiger. Und so leidet der Roman am Ende daran, dass die Autorin das Schweigen wiederholt brechen, den Schmerz immer noch weiter zuspitzen will. Schmerz ist eines dieser unheimlichen deutschen Wörter, die im Singular stärker wirken als im Plural. "Schmerz" sitzt tiefer als "Schmerzen". Dieser Roman lässt es einen verstehen: In Serie erzählt, verliert selbst solcher Schmerz an Dringlichkeit.

Monster wie wir

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling & Co.
Bestellnummer:
978-3-89561-183-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.08.2020 | 12:40 Uhr

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