Stand: 29.11.2019 13:50 Uhr

"Jahnn war ein Universalist und ein Sonderling"

von Peter Helling

Wahrscheinlich gehört er zum exklusiven Club der größten Ungelesenen der Literaturgeschichte: Hans Henny Jahnn. Am 29. November 2019 jährt sich sein Todestag zum 60. Mal. Der in Hamburg-Stellingen geborene Autor war vieles: Orgelbauer und Anti-Atomkraft-Aktivist, Landwirt und Verleger - und Bürgerschreck. Außerdem ist er der Urvater der Freien Akademie der Künste in Hamburg. Ulrich Greiner ist ihr aktueller Präsident und ein Jahnn-Kenner. Er verrät, was ihn an diesem Sonderling der deutschen Literaturgeschichte so fasziniert.

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Hans Henny Jahnn wird am 17. Dezember 1894 in Hamburg geboren, wo er am 29. November 1959 stirbt.

"Das Rebellische ist etwas, was Hans Henny Jahnn immer ausgezeichnet hat und was wir heute in der Akademie auch pflegen wollen", sagt Ulrich Greiner, der als aktueller Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg das Erbe Jahnns fortführen will. 1950 hatte Jahnn die Akademie zusammen mit Hans Erich Nossack gegründet. Sie sollte unabhängig von staatlicher Aufsicht und Bevormundung sein.

Wegen drastischer Schilderungen umstritten

Jahnn ging 1915 zusammen mit dem späteren Musikverleger Gottlieb Harms nach Norwegen - ein Versuch, dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu entgehen. Wahrscheinlich waren die beiden seitdem ein Paar. 1926 heiratete Jahnn Ellinor Philips und bekam mit ihr eine Tochter, Signe. Hans Henny und Ellinor führten eine offene Ehe - ein für die Zeit ungewöhnliches Leben. Auch in seinem literarischen Schaffen war Jahnn radikal. Gleichzeitig war er aufgrund seiner oft drastischen Schilderungen in seinen Romanen umstritten.

"Fluss ohne Ufer" - ein gespenstischer Roman

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Der Journalist und Literaturkritiker Ulrich Greiner ist seit 2011 Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Auch seine 2.000 Seiten starke Roman-Trilogie "Fluss ohne Ufer" enthält radikale Ideen und Passagen. "Das Buch war für mich eine der erstaunlichsten Leseerfahrungen", erklärt Greiner. "Es fängt fast wie ein konventioneller Abenteuerroman an, wird aber dann ziemlich merkwürdig. Es gibt da so einen Punkt, an dem man nicht zurück kann." In dem Roman wird eine junge Frau auf einem Schiff ermordet. Sie wird im labyrinthischen Schiffsbauch gesucht, bis die Mannschaft eine Wand einschlägt und das Wasser eindringt. Das Schiff versinkt. "Dieser Roman ist wirklich gespenstisch", so Greiner.

Buchtipp

Ulrich Greiner empfiehlt Jahnn-Einsteigern:
Hanns Henny Jahnn: "13 nicht geheure Geschichten", erschienen bei Campe Paperbacks, 9,50 Euro.

Jahnn: Sperriger Schreiber und sympathischer Universalist

Hans Henny Jahnn war laut Greiner ein akribischer Schreiber, ein Universalist und ein Sonderling. Seine Sprache sei voller Symbole, voller geheimer Andeutungen und Bezüge, die Darstellungen oft schockierend. Seine Werke seien sehr sperrig und würden deswegen selten gelesen, mutmaßt der Akademie-Präsident. Dennoch sei Jahnn ein sympathischer Universalist auf der Suche nach einer Art Welt-Harmonie gewesen - auch als Orgelbauer und Naturliebhaber. "Was besonders aktuell ist, ist sein Verhältnis zur Natur", erläutert Greiner. "Er liebte die Natur. Das wird daran deutlich, wie er einen Wald oder ein Pferd beschreibt."

"Klimaschutz hätte ihn sicher hochgradig erregt"

Die Nazi-Zeit überlebte Jahnn im Exil auf Bornholm, wo er sich als Landwirt über Wasser hielt. Danach wollte er die Kultur in Hamburg wiederbeleben. Zudem wurde er ein entschiedener Gegner der Wiederbewaffnung und der Atomkraft. Und heute, wofür würde er wohl auf die Straße gehen? "Woran er mit Sicherheit teilnähme, ist diese ganze Klimaschutzbewegung. Das ist etwas, was ihn sicher hochgradig erregt hätte", ist sich Greiner sicher.

"Das 'merkwürdige' Erbe erhalten"

Ulrich Greiner wünscht sich, dass Hans Henny Jahnn, dieser große Außenseiter der Literatur, wieder gelesen wird: "Es wäre wichtig, damit dieses 'merkwürdige' Erbe - und das Wort merkwürdig ist wirklich wörtlich zu nehmen - nicht verloren geht."

Weitere Informationen
NDR Kultur

Hörspiel: "Armut, Reichtum, Mensch und Tier"

27.11.2019 20:00 Uhr
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Liebe, Eifersucht und Mord. Das sind die Zutaten für "Armut, Reichtum, Mensch und Tier", das NDR Kultur zu Hans Henny Jahnns 60. Todestag und 125. Geburtstag gesendet hat. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 29.11.2019 | 09:40 Uhr

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