Tomasz Jedrowski: "Im Wasser sind wir schwerelos" © Hoffmann und Campe

Tomasz Jedrowski: "Im Wasser sind wir schwerelos"

Stand: 10.03.2021 14:58 Uhr

Jedrowskis Debüt-Roman "Im Wasser sind wir schwerelos" spielt in Polen, ist aber zunächst in England erschienen. Dort ist die Geschichte einer homosexuellen Liebe zum Buch des Jahres gewählt worden.

von Claudio Campagna

Tomasz Jedrowski ist in mehreren Sprachen und Kulturen zuhause. Als Kind polnischer Eltern ist er in Westdeutschland aufgewachsen (als es die DDR noch gab), in Cambridge hat er Jura studiert. Inzwischen lebt er in Paris.

Ich drehte den Kopf, um in der Reihe nach Karolina zu suchen, doch stattdessen fiel mein Blick auf dich. Ich hatte dich noch nie zuvor gesehen - jedenfalls nicht bewusst. Trotzdem war ich seltsam erleichtert, so als hätte ich jemanden erkannt. Leseprobe

Ein unerwartetes Gefühl

Bei einer Ernte-Kampagne, während einer zackigen Ansprache des Einsatzleiters, sieht der junge Ludwik zum ersten Mal den schönen Janusz. Ganz unvorbereitet trifft ihn das Gefühl nicht, das ihn nun durchströmt beim Anblick eines anderen Mannes. Schon als Knabe hat er für den Nachbarsjungen geschwärmt, eine Freundin hat ihn einmal mitgenommen in eine Schwulenbar und in seinem Gepäck für den Ernteeinsatz findet sich auch "Giovannis Zimmer", James Baldwins Roman über die seelischen Qualen unterdrückter, gleichgeschlechtlicher Liebe. Die Unruhe des Ich-Erzählers steigert sich.

Wie ein Tier, das sich plötzlich beobachtet fühlt, hast du den Kopf in meine Richtung gedreht und noch ehe ich wegsehen konnte, begegneten sich unsere Blicke, und wir starrten uns einen endlos langen Augenblick an.
Eine Hitzewelle schoss mir aus dem Bauch in die Wangen, meine Gedanken waren wirr wie ein Schnurknäuel.
Ich gewöhnte mich an Deinen Anblick, aber wir sprachen nie miteinander.
"Hallo", sagte ich, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, wegzulaufen und dich zu beobachten.
Am nächsten Tag sah ich dich deutlicher als bisher, wie gezeichnet vor dem Hintergrund der anderen.
Deine langen Wimpern. Die schönen Adern auf deinen Armen. Ich wollte nur dastehen und dich in mir aufnehmen. Leseprobe

Aus vagen Empfindungen wird starkes Begehren

Gefühlvoll und genau zeichnet der Autor nach, wie Janusz den Erzähler immer mehr in seinen Bann schlägt und wie aus unscharfen, uneingestandenen Empfindungen ein immer klareres Begehren wird. Janusz scheint es ähnlich zu ergehen. Nach dem Ernteeinsatz verbringen die beiden jungen Männer ein paar Tage am See. Das Wasser macht sie leichter, schwerelos. In paradiesischer Abgeschiedenheit vom Rest der Welt lieben sie sich.

Doch dann holt die Realität sie wieder ein. Geschickt verbindet der Roman die zeitlose Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe mit der konkreten historischen Situation im Polen der 80er-Jahre. Ein offenes Leben als homosexuelles Paar ist hier keine Option.

Roman mit Tiefe und politischer Brisanz

Während Ludwik aus einer Familie von inneren Widerständlern und Westradiohörern kommt, stammt Janusz aus einer Arbeiterfamilie; ohne die Unterstützung der Partei hätte er nie studieren können. Ludwik bemüht sich um eine Promotionsstelle. Er will über Baldwin forschen und dessen Einsatz für die Emanzipation. Janusz tritt seine erste Stelle an in der Zensurbehörde der Regierung. Der Roman gewinnt an Tiefe und politischer Brisanz. Es kommt zu Spannungen:

Du sahst mich herausfordernd an. "Jeder macht jemandem etwas vor. Hast du das nicht selbst gesagt? Dass das Land heruntergewirtschaftet ist, dass alles ungerecht ist? Was ist falsch daran, wenn man etwas selbst in die Hand nimmt und dafür sorgt, dass man nicht untergeht? Hm?"
"Es muss andere Möglichkeiten geben«, sagte ich leise. "Weggehen zum Beispiel."
"Du meinst davonlaufen?" Du sahst mich beschwörend an. Leseprobe

Wahl zwischen Verleugnung oder Flucht

Das Land verlassen oder sich selbst verleugnen und mit dem System arrangieren - eine dritte Möglichkeit scheint es nicht zu geben. Ludwik wählt die erstere und - so erfahren wir - lebt inzwischen in New York.

Während in Polen die Auseinandersetzung zwischen dem kommunistischen Regime und der Solidarnosc-Bewegung eskaliert, schreibt er einen langen Brief an seinen Freund. Seine Gedanken und Gefühle dabei, der andauernde Zwiespalt des homosexuellen Dissidenten sind gekonnt beschrieben. Der Roman besticht aber vor allem durch die Leichtigkeit und Eleganz, in der diese doch sehr bittere Geschichte erzählt ist.

Im Wasser sind wir schwerelos

von Tomasz Jedrowski, über setzt von Brigitte Jakobeit
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-01117-3
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.03.2021 | 12:40 Uhr

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