Stand: 23.02.2018 15:40 Uhr  | Archiv

500 Jahre Tintoretto

von Silke Lahmann-Lammert

Eine Stadt und ein Künstler, die untrennbar zusammengehören: Das sind Venedig und Tintoretto. Im 16. Jahrhundert machte der Maler in der Lagunenstadt Karriere. Seine Werke prägen Venedig bis heute. Kaum eine Kirche, kaum ein Palazzo ohne ein Fresko von Tintoretto.

Der Künstler, der eigentlich Jacopo Robusti hieß, war ein Workaholic, der alles tat, um an Aufträge zu kommen. Seine Marketingstrategien hätten ihm allerdings wenig genützt, wären sie nicht mit einem Talent gepaart gewesen, das seinesgleichen sucht. Ein neuer Bildband aus dem Hirmer Verlag feiert Tintorettos Malerei. 

Ein Künstler, der große Auftritte und schöne Frauen schätzt

Wenn Tintoretto den "Sündenfall" malt, lässt er keinen Zweifel, worum es zwischen Adam und Eva geht: um Erotik, um nackte Haut, um pure Fleischeslust. Auf seinem Gemälde, das Mitte des 16. Jahrhunderts entstand, sitzt Eva auf einem Mäuerchen und schmiegt sich an den Baum der Erkenntnis.

Tintoretto stellt die Protagonistin der Schöpfungsgeschichte als blondgelockte Schönheit dar. Oberarme und Schenkel schimmern im Licht, das zarte Rot der Wangen und des Dekolletés verrät ihre Erregung. Verführerisch beugt sich die Paradiesbewohnerin vor, um Adam den Apfel zu reichen. Der weicht zurück. In seiner Haltung spiegelt sich nicht nur Furcht, sondern auch Faszination. Tintoretto präsentiert den Urvater der Menschheit in Rückenansicht. Unter der Haut zeichnen sich Adams Rippen und die angespannten Muskeln ab.

Tintorettos Naturalismus geht so weit, "… dass er den sonnengebräunten Nacken Adams vom weißen Rücken absetzt: ein gewagtes Detail, das Adam ausgezogen (statt bloß nackt) erscheinen lässt und die historische Authentizität der Darstellung geistreich unterwandert", urteilt der Kunsthistoriker Ronald Krischel. 

Wer war der Maler, der auf die Marketingstrategie "sex sells" setzte, lange bevor der Begriff erfunden war?

Starke Konkurrenz zu Tizian

Tintoretto - der eigentlich Jacopo Robusti hieß - wurde 1518 in Venedig als Sohn eines Färbers geboren. Das Handwerk des Vaters brachte dem Kleinwüchsigen seinen Spitznamen "Färberlein" ein. Gesicherte Angaben über seine Jugendjahre gibt es nicht. Niemand weiß, ob Tintoretto Autodidakt war oder bei welchem Meister er in die Lehre ging. Um so mehr blühen die Spekulationen:

"So soll Tizian den jungen Jacopo aus seiner Werkstatt gejagt haben, nachdem er dessen frühe Zeichnungen gesehen und erkannt hatte, dass dieser ihm eines Tages Konkurrenz machen könnte." Wahrscheinlich eine Legende, vermutet Buchautor Michel Hochmann. Fest steht, dass der geschäftstüchtige Maler in Venedig eine Werkstatt eröffnete und mit seinen Dumping-Preisen dem älteren Tizian tatsächlich Konkurrenz machte:

"Den von Tizian so beharrlich wie listenreich gepflegten und durch betont langsames Arbeiten in die Höhe getriebenen monetären Wert der Kunst ließ Jacopo kurzerhand kollabieren, indem er an (...) strategischen Stellen Bilder zum Selbstkostenpreis malte oder sogar schenkte", vermutet der Autor Krischel.

Dass Tintoretto mit allen Mitteln Karriere machen wollte, zeigt sich auch in seinem spektakulären Bildaufbau. Seine Werke erinnern an Bühnen, auf denen biblische und mythische Helden mit viel Pathos ihre Geschichten vortragen.

Hochwertige Reproduktionen

Das "Emmaus-Mahl", das der auferstandene Jesus mit zwei Jüngern einnimmt, ist nur eines von vielen Beispielen in dem neuen Buch: Während Tizian die biblische Szene als ruhiges und ernsthaftes Tischgespräch darstellt, geht es bei Tintoretto zu wie in einem Wirtshaus: Die Figuren lümmeln geradezu an der Tafel. Sie gestikulieren und werfen sich in Posen.

Der Bildband illustriert mit hochwertigen Reproduktionen der Zeichnungen, Gemälde und Fresken, wie der Färbersohn Venedig seinen Stempel aufsetzte: In Tintoretto paarten sich Talent und Erfindungsgabe, Arbeitseifer und Chuzpe. Vor allem als Selbstvermarkter war der Maler seiner Zeit voraus. Er wusste: Ein Fresko an prominenter Stelle platziert, wirkt wie eine Werbetafel. Auch wenn er nichts daran verdient, sichert es seiner Werkstatt den nächsten Auftrag - und den lässt er sich teuer bezahlen.

Tintoretto - A Star was born

Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Beiträge von L. Borean, G. Cassegrain, G. Gullino, M. Hochmann, R. Krischel, S. Mason, E. Weddigen - In Kooperation mit der Réunion des musées nationaux - Grand Palais - 228 Abbildungen in Farbe - 23 x 30 cm, gebunden
Verlag:
Hirmer Verlag
Preis:
45,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 25.02.2018 | 17:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Tintoretto-A-Star-was-born,tintoretto102.html

Mehr Kultur

Abbildung, die den Produktionsprozess von Seife zeigt. © SHMH

Hamburger Ausstellung zeigt Reichtum auf Kosten der Kolonien

"Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand" heißt ein Projekt, das im Hamburger Museum der Arbeit gezeigt wird. mehr

Das Gutshaus Plennin © NDR Foto: NDR

Herrenhauszentrum in Greifswald geplant

Die Einrichtung soll die Geschichte aller rund 10.000 Herrenhäuser im Ostseeraum dokumentieren. mehr

Gerd Bucerius am 23. August 1985 mit einer einer Ausgabe der Zeitung "Die Zeit". © picture-alliance / Sven Simon Foto: Sven Simon

Gerd Bucerius: Vor 25 Jahren starb der Gründer der "Zeit"

Der streitbare Politiker und Verleger hat die Nachkriegszeit geprägt. Als sein Vermächtnis gilt die "Zeit"-Stiftung. mehr

Schauspieler und Regisseur Bjarne Mädel (m.) kniet beim Filmfest Hamburg mit Filmhund Cord ein belgischer Schäferhund der Rasse Lekonois - bei der Premiere seines Regiedebüts "Sörensen hat Angst" © Georg Wendt/ dpa Bildfunk Foto: Georg Wendt

Bjarne Mädel: "Mit Humor die Herzen der Leute aufmachen"

Am Wochenende hat Bjarne Mädel mit seinem Regiedebüt "Sörensen hat Angst" Premiere beim Filmfest Hamburg gefeiert. mehr