Stand: 09.07.2019 15:44 Uhr

Reden gegen den Tod

Die Hütte des Schäfers
von Tim Winton, aus dem australischen Englisch von Klaus Berr
Vorgestellt von Lisa Kreißler

Der 1960 in Australien geborene Autor Tim Winton schreibt nicht nur Romane, sondern auch Jugendbücher und Theaterstücke. Im englischsprachigen Raum gehört er längst zu den anerkanntesten Stimmen der Gegenwart. Zwei Mal stand er auf der Short List des Man Booker Prize, der wichtigste Literaturpreis seiner Heimat Australien ging bereits vier Mal an ihn.

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Nach dem Tod des verhassten Vaters durchwandert der 15-jährige Jaxie die karge Wüstenlandschaft Australiens.

Tim Wintons Romane sind dem aufgewühlten Blick jugendlicher Helden verschrieben. Oft zog es diese Helden zum Wasser. In seinem neuen Roman "Die Hütte des Schäfers", übersetzt von Klaus Berr, ist das Wasser rar.

Die Hütte des Schäfers. Das klingt wie ein Versprechen von ruhigen Bildern, grünen Wiesen und einem alten Mann, der nostalgisch den Horizont befragt. Den alten Mann gibt es tatsächlich in Tim Wintons Roman, aber von Ruhe und grünen Wiesen kann keine Rede sein.

Der Tod des Vaters ist Schock und Erlösung zugleich

Es ist die Geschichte der hitzköpfigen Flucht eines wutentbrannten Teenagers durch die australische Salzwüste, die dem Leser hier vom ersten Satz an entgegenspringt wie ein Punksong. Tim Winton beschreibt seine Hauptfigur, den 15 Jahre alten Jaxie Clackton, als einen, der auf dem Weg ist ins Erwachsensein, einen, der, wie viele junge Männer, mit Waffen gepanzert und dabei vollkommen ahnungslos ist.

Jaxie findet seinen Vater, "den alten Drecksack", eines Tages tot in der Garage. Er hat ihm den Tod gewünscht, denn der alte Drecksack hat ihn und seine Mutter geschlagen. Die Mutter ist im vergangenen Jahr an Krebs gestorben.

Durch die Wüste Australiens

Als Jaxie nun der Leiche seines Vaters gegenübersteht, zögert er keine Sekunde. Er schnappt sich seine Sachen und rennt los. Fluchend macht er seinen Weg durch die karge Landschaft Westaustraliens und strandet in der Salzwüste. Niemand soll ihn finden.

Jaxies Reise gerät ins Stocken, als ihm Wasser und Essen ausgehen. Zwar schießt er ein paar Kängurus, aber er erkennt, dass er seine Kräfte zusammenhalten muss in dieser menschenleeren Hitze. Aber dann ist da doch jemand. Ein alter Mann bewohnt eine Hütte ganz in der Nähe von Jaxies Lager. Jaxie weiß nicht, ob er ihm trauen kann, aber der Durst bringt die beiden zusammen.

Zweckgemeinschaft mit einem alten Schäfer

Fintan MacGillis war Priester. Warum er allein und ohne Auto in dieser gottverlassenen Wüste lebt, verrät er Jaxie nicht. Nur so viel lässt er durchblicken: Er hat etwas Schlimmes getan. Der alte Mann und der junge Mann, misstrauisch tun sie sich zusammen, um zu überleben. Der Alte redet und redet - und allmählich wird Jaxie klar, dass er über diesen alten Schwätzer auch etwas über sich selbst erfährt.

"Drecksack redete nur immer über das, was er in seiner Hand halten konnte. Bevor er die Faust darum schloss und einen damit verprügelte. Und Mum, ich frage mich, ob sie mir je sagen konnte, was sie eigentlich wollte. Am Ende hatte sie mir gar nichts zu sagen. Vielleicht ist zu viel reden besser." Leseprobe

Die Sprache ist der Motor dieses Romans

Alles wächst aus dem misstrauischen adoleszenten Ton hervor: Jaxies Einsamkeit, seine Fragen und sein Wille zu überleben. Es ist ein Ansprechen gegen den Tod, eine Predigt über die Vergänglichkeit.

"In der ganzen Zeit, die ich bei der Schäferhütte verbrachte, kam und ging dieses Kribbeln immer wieder. An einigen Tagen hatte ich das Gefühl festzustecken. Als wäre ich behäbig geworden. Dass ich genauso wäre wie er. Ich hatte Fleisch und Wasser und eine Schlafrolle. Und ich schlief nicht besorgt ein oder wachte verängstigt auf. Aber ich kam eben nicht weiter. Und wenn ich darüber nachdachte, bekam ich ein Kribbeln in den Füßen." Leseprobe

Auch wenn am Ende des Textes Schüsse fallen, ist die eigentliche Waffe dieses Romans die Sprache. Tim Winton führt uns vor, was Literatur alles kann. "Die Hütte des Schäfers" strotzt nur so vor explosiver Spannung, aber das Buch tastet sich über originäre Bilder auch an die zerbrechliche Seele seiner Hauptfigur heran. Am Ende schmilzt alles auf die eine entscheidende Frage zusammen: Woran glauben, in all der Hitze, in all dem Schmerz?

Die Hütte des Schäfers

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87582-8
Preis:
22,00 €

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