Stand: 11.08.2018 21:11 Uhr

Hamburger Stadtschreiber für drei Monate

von Emine Cekirge
Wegen seiner poetischen Sprache und seines lakonischen Humors entschied sich die Jury für Tilman Strasser als Stadtschreiber.

Ein Bayer ist Hamburgs neuer Stadtschreiber: Tilman Strasser. Als Autor und Journalist schreibt er nicht nur Bücher, sondern auch für Verlage, PR-Agenturen und TV-Sender. Der 33-Jährige wurde am Sonntag im Bergerdorfer Schloss als Hamburger Gast begrüßt und darf nun drei Monate Hamburg kennenlernen und über die Stadt schreiben. Er bekommt nicht nur eine Wohnung gestellt, sondern auch ein Taschengeld, denn das Stipendium des Hamburger Gastes ist mit 4.500 Euro dotiert. Strasser wird je einen Monat im Bergedorfer Schloss, im Schmidt Theater und in der Kulturwerkstatt Harburg sitzen und dort schreiben.

Wohnung liegt im Karolinenviertel

Während der drei Monate wohnt Tilman Strasser im Karolinenviertel. Er beginnt seinen Job offiziell am 1. August. "Aber ich fange jetzt schon an", meint Strasser. "Ich bin ja schon da. Sonntag war Antrittslesung und jetzt gucken wir einfach mal, was sich jetzt schon ergibt. So wird es vielleicht ein entspannterer Start."

"Ich will sehen, was passiert"

Tilman Strasser ist ein sympathischer Kerl, der mit Sprache spielt, experimentiert und sich in Hamburg literarisch austoben will. "Ich will natürlich den großen Hamburg-Roman schreiben, aber an dieser Herausforderung lustvoll scheitern", sagt er schmunzelnd. "Ansonsten habe ich keine großen Pläne, weil ich sehen will, was passiert, wenn ich mich der Situation einfach mal aussetze."

Geboren und aufgewachsen in München

Als Wahl-Kölner, geboren und aufgewachsen in München, ist Tilman Strasser vielseitig und wortgewandt. "Ich habe einfach vor, wüst und wild und lang und heftig und intensiv zu schreiben. Mein Schreiben funktioniert so, dass ich erst einmal zwei, drei Tage dasitzen werde, ein bisschen notieren und denken muss und dann mitkriege, dass da was ins Rollen kommt - und ich habe vor, dass da gewaltig was ins Rollen kommt!"

Schon als Kind geschrieben

Sich kreativ ausprobieren, das konnte Tilman Strasser schon früh, denn als Sohn einer Arztfamilie wurde ihm viel Input geboten. "Tatsächlich wurde zu Hause viel gelesen, viel Musik gemacht und viel der Muse gefrönt", erzählt er. Während sein Bruder sich für die Psychologie entschied, wollte Tilman Strasser schon als Kind immer schreiben. "Ich weiß noch, dass ich 'Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch' von Michael Ende gelesen habe und mit dem Ende nicht so glücklich war. Und dann habe ich mit elf oder zwölf Jahren ein alternatives Ende und auch die Fortsetzung geschrieben und wollte alles Michael Ende schicken", erinnert sich Strasser. Doch seine Mutter hat ihn damals davon abgehalten.

Seine wahre Leidenschaft gehört der Musik

Anders war es, als Tilman Strasser Kreatives Schreiben in Hildesheim studiert hat. "Dass ich einen künstlerischen Beruf ergreife, fanden meine Eltern gut und haben es unterstützt. Ich habe schnell Geld verdient, um den Eltern nicht länger auf der Tasche zu liegen. Sonst hätte ich schon das Gefühl gehabt, eines dieser Arztkinder zu sein, die einfach nur Glück hatten, dass sie das machen konnten, was sie machen."

Auch wenn Tilman Strasser es liebt, zu schreiben - seine wahre Leidenschaft ist eine andere. "Musik", sagt er. "Musik ist eigentlich die große Leidenschaft. Ich habe blöderweise nicht den Nerv dazu, acht Stunden ein Instrument zu üben, aber wenn ich morgen 'Schnipp' machen und dann so gut Geige, Cello oder auch Klavier spielen könnte, wie ich gern wollte, dann würde ich sofort eine zweite Laufbahn als Musiker anfangen. Tatsächlich ist klassische Musik mein Ding. Ich finde das fantastisch!"

"Mein Ziel ist es, möglichst viele glückliche Tage anzuhäufen"

Und wenn Tilman Strasser sich auch noch sein Leben zusammenstellen dürfte, dann würde es so aussehen: "Ich möchte eigentlich so lange wie möglich so frei sein wie möglich - und das tun, wozu ich Lust habe. Ich muss nicht die ganze Welt sehen, aber viel davon. Ich muss nicht jeden kennenlernen, aber ich möchte viele Leute kennenlernen. Ich möchte verstehen, was die Leute um mich herum antreibt und herausfinden, was ich mir davon abgucken kann. Mein Ziel ist es, ein erfülltes Leben zu führen und möglichst viele glückliche Tage anzuhäufen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 30.07.2018 | 19:00 Uhr

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