Nele Holdack/Catrin Polojachtof (Hg.): "Etwas muss man doch fürs Herze tun" © Aufbau

Tierische Weihnachten: "Etwas muss man doch fürs Herze tun"

Stand: 23.12.2020 10:56 Uhr

Geschichten zum Lesen und Vorlesen bietet der Band "Etwas muss man doch fürs Herze tun", der im Untertitel leicht ironisch "Tierische Weihnachten" heißt.

von Claudio Campagna

In jeder der elf mehr oder minder besinnlichen Geschichten spielen Tiere eine Rolle. Öfter leider auch die, dass sie gegessen werden oder gegessen werden sollen. Wie in Vicky Baums Erzählung "Der Weihnachtskarpfen".

Der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange, die Menschen leiden Not - in Wien wie überall in Europa -, und doch ist es Tante Mali gelungen, einen Fisch für Heiligabend aufzutreiben und damit die Familientradition zu retten.

Für ein paar Wochen dreht der Karpfen fröhliche seine Runden in der Badewanne und schwimmt sich in die Herzen der Familie. Bald nennen ihn alle Adalbert. Als der Fisch dann am 24. Dezember in Butterfett gebraten auf den Tisch kommt, will es keinem so richtig schmecken. Und die ganze Familie lässt betroffen Messer und Gabeln sinken.   

"Wozu haben wir ihn dann getötet? Könnt ihr mir das sagen? Wozu haben wir ihn getötet?" schluchzte Tante Mali.
Sie schauten einander und dann den Doktor sprachlos an. Er saß aufrecht auf seinem Stuhl und sah über die Servierplatte, über den Tisch hinweg, er sah durch den Raum hindurch, er sah durch eine große weite Leere, die sie nicht sehen konnten, und er sagte langsam: "Ja - wozu töten? Wozu? Wozu?"
Und sie waren sich nicht sicher, ob er von dem Weihnachtskarpfen sprach. Leseprobe

Der traditionelle Weihnachtsbraten bringt so manchen in Schwierigkeiten

In ähnlich misslicher Lage befinden sich der Opernsänger Luitpold Löwenhaupt und "Die Weihnachtsgans Auguste" in der gleichnamigen Geschichte von Friedrich Wolf. Auch hier wagt es niemand, Auguste an die Gurgel zu gehen. So muss der Patriarch persönlich ran. Eben noch hat er in der Oper eine Heldenpartie gesungen.

Vater Löwenhaupt, der jetzt zeigen wollte, was ein echter Mann und Hausherr ist, rannte hinter Auguste her, trieb sie in die Ecke, griff mutig zu und holte aus der Küche einen Gegenstand. Während die Mutter die Kinder oben im Schlafzimmer hielt, ging der Vater mit der Gans in die entfernteste, dunkelste Gartenecke, um sein Werk zu vollbringen. Die Gans Auguste aber schrie Zeter und Mordio. Leseprobe

Wie die Geschichte endet, sei hier nicht verraten; nur so viel: Nicht alle Tiere in dem Band lassen ihr Leben. Ponys verschwinden zu Heiligabend und kehren auf wundersame Weise wieder. Ein Hirsch mit Hang zur Travestie verkleidet sich als Weihnachtsbaum. Und ein auf dem Dachboden herumschleichender, Mäuse und Heringsköpfe verzehrender vermeintlicher Weihnachtsmann entpuppt sich als trächtige Katze.

Emotionen und Mitleid regieren die Weihnachtszeit

Weihnachten weckt Emotionen. Und wenn Tiere ins Spiel kommen, gilt das noch mehr. Mitleid erregt Janoschs Bär, der wie einst Maria und Josef an einem besonders kalten Weihnachtsabend bei den Menschen nach Wärme und einem Obdach sucht. Für Erheiterung dagegen sorgt Oskar Maria Graf, der von einer unerhörten, doch angeblich wahren Begebenheit zu berichten weiß:

Jemand aus dem Hause Nummer 18 hatte eine wunderbar gerupfte, bratenfertige Gans aus dem Fenster geschmissen. Die lag jetzt, aufgeplatzt und leicht ramponiert, auf dem Pflaster.
Eine Gans notabene, die, wie der Schutzmann in schneller Prüfung feststellte, absolut frisch, wunderbar zart und zum Anbeißen appetitlich war! Leseprobe

Und bald schon ist der halbe Ort auf den Beinen, um zu erkunden, wer den Frevel begangen hat.

Mal amüsant, mal melancholisch, mal anrührend, mal hintersinnig sind die Weihnachtsgeschichten in diesem Band. Ein hübsches Büchlein zum Vorlesen und selbst in Stimmung kommen.

Etwas muss man doch fürs Herze tun

von Nele Holdack/Catrin Polojachtof (Hg.)
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Mit Texten von Ludvik Askenazy, Vicki Baum, Hans Fallada, Oskar Maria Graf, Janosch, John B. Keane, Herbert Rosendorfer, Erwin Strittmatter und Friedrich Wolf.
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-35103-833-5
Preis:
14,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.12.2020 | 12:40 Uhr

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