Stand: 03.01.2018 11:00 Uhr

Poetische Gedankenreisen

Kolonien und Manschettenknöpfe
von Thomas Kunst
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Der 1965 geborene Autor Thomas Kunst lebt seit seinem Studium in Leipzig.

Ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Sich mal wieder viel mehr und viel intensiver mit Lyrik zu beschäftigen, mit dieser faszinierenden Kunst, in einem Vers all das und noch mehr zu sagen, wofür ein Gegenwarts-Roman mindestens 800 Seiten braucht.

Einer der faszinierendsten Dichter aus unserem Sendegebiet heißt Thomas Kunst, geboren in Stralsund. Bei Suhrkamp ist vor Kurzem mit "Kolonien und Manschettenknöpfe" der zehnte Gedichtband von Thomas Kunst erschienen.

Verrückte Kausalitäten

Komm, wir gehen auf eine Reise, und ich verrate dir noch nicht einmal, wohin! Dann, kaum hat er das ausgesprochen, packt der Dichter dich am Arm und lässt dich für ein paar Stunden nicht mehr los. Er ist verrückt, weil er das Verrücken von Sprachcodes, von Kausalitäten, von Maßstäben mit Hingabe betreibt - er ist verrückt, aber er ist kein Scharlatan: Sein Versprechen hält er. Wir wissen nie, wohin wir gerade mit ihm reisen.

… man wird sich ja wohl noch
Mal vor seinem Tod in einem nordpakistanischen Tal ein kleines,
Unrestauriertes Haus mit unverputzter Waschküche kaufen
Dürfen, um älter als der Rest der Menschheit zu werden… Leseprobe

Wilder Gedankenstrom

Ja klar, das darf man, und niemand und nichts wird den Dichter daran hindern - außer vielleicht der wilde Strom seiner Gedanken, Bilder, Buchstabenbrocken. Der ist nicht zu zähmen, nicht zu bändigen - und wie sollte er das auch, wenn doch das Wichtigste, was wir haben, die Erinnerung, frei in uns herumwirbelt und alles mit allem vermengt. Man kann mit Thomas Kunst nach Afrika reisen und landet mit dem Wahl-Leipziger am Connewitzer Kreuz, man kann mit ihm die massive Gebirgslandschaft in Zentralasien erkunden und hat auf einmal die heimische Ostsee fest im Blick.

… seit über den Karakorum Highway
Ende der siebziger Jahre gezuckerte Getränke und Konservierungsstoffe
Nach Karimabad gelangten, kamen hier vor allem die
Osteuropäischen Lebenserwartungen in Mode, Fettleibigkeit,
Diabetes und Bluthochdruck aus Litauen und dem Kosovo, als ich
Dreizehn Jahre alt war, gab es auf Rügen sechs Meter
Hohe Schneewehen, Flugsand, Eisregen und die maßlos
Übertriebenen Regalauffüllungen aus Temperatursturz und
Einigen bis an die Obergrenze verschmierten Wind-
Entgleisungen… Leseprobe

Variantenreiche Gedichte

Thomas Kunst zeigt sich in seinen formal sehr variantenreichen Gedichten immerzu gefechtsbereit. Mal trägt er hoffnungslose Kämpfe gegen Klimawandel und sonstige Katastrophen aus, mal zieht er in den hoffnungsvollen Wettbewerb um den Bau unserer Alterspyramide: Wie schnell, lautet die Preisfrage, lässt sich die Mutter in ein neues Pflegeheim, sagen wir von Lübbenau im Spreewald bis nach Milwaukee/Wisconsin überführen?

… die Getränke wurden mit einer
Westerneisenbahn an unseren Tisch
Gefahren, für meine Mom eine Cola mit Eis, für
Mich ein großes Alkoholbier, aber vor
Unserem Auftritt wären noch drei andere
Drangewesen, der Krankentransport
Wartete solange draußen, die Uhr lief
Weiter, ich entschuldigte mich
Bei den Preisrichtern, um durch den
Unkollegialen Einwurf meiner Mutter
Mitten im Wettkampf nicht disqualifiziert zu
Werden... Leseprobe

Ein gedichtetes Porträt

Thomas Kunst schreibt Gedichte, die unsere verstopften Denkapparate wieder freipusten und für jeden Gefühlsstau eine Umleitung finden. Ihn zum Freund zu haben müsste ein große Sache sein: Man dürfte, wie Feridun Zaimoglu, mit ihm eine lyrische Ballonfahrt unternehmen und dabei vielleicht etwas mehr Gleichmut, etwas Abstand von der anstrengenden Weltpolitik gewinnen; und man könnte hoffen, dereinst, wie der Dichter Gaston Salvatore, so wunderschön von Thomas Kunst verewigt zu werden:

Dass du nicht enden kannst, das macht dich groß.
Und mag die ganze Welt dabei versinken
Ich liebe es zu toben und zu trinken.
Was ist am Glas mit deinen vielen Fingern los? Leseprobe

Kolonien und Manschettenknöpfe

von
Seitenzahl:
125 Seiten
Genre:
Lyrik
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42754-5
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.01.2018 | 12:40 Uhr

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