Stand: 26.04.2020 00:01 Uhr

"French Landscapes": Frankreichs Provinz in Bildern

von Guido Pauling

Wie sieht Frankreich wirklich aus? Mancher glaubt nach ein paar Urlauben vielleicht, das Land zu kennen: pittoreske Schlösser, Hänge voller Weinreben, herbe Atlantikstrände und, na klar, Eiffelturm, Mont-Saint-Michel. Nichts davon zeigt Thibaut Cuisset in dem Bildband "French Landscapes", französische Landschaften.

Der 2017 mit nur 58 Jahren verstorbene Fotograf hat über Jahrzehnte die Regionen seines Heimatlandes bereist und fotografiert. Doch niemals hat er Postkartenbilder gemacht, keinerlei Hochglanzaufnahmen geliefert, die die Schönheit einer Landschaft hervorheben.

Cuisset wollte möglichst unverfälscht zeigen, wie das Land aussieht, das der Mensch mit Landwirtschaft und Industrie, mit Bahngleisen und Asphaltstraßen prägt. Der Göttinger Steidl Verlag hat nun nach Cuissets frühem Tod den ersten englischsprachigen Bildband mit dessen Fotografien veröffentlicht.

Von Menschen geprägte Landschaftsansichten

Grüne Wiesen liegen zu beiden Seiten der einsamen Landstraße. Gras und Wildblumen stehen hoch, niemand mäht hier. Hinter der Linkskurve erscheinen die ersten Häuser der ländlichen Gemeinde Hénon in der Bretagne. An schlanken Holzpfählen zieht sich eine Stromleitung entlang der Straße. Cumulus-Wolken ziehen am Himmel, in der Ferne erheben sich bewaldete Hügel und Äcker. Aus der unaufgeregten Landschaft sticht lediglich das rote Dreieck eines Vorfahrtsschilds am Straßenrand hervor.

Kurz vor Saint-Gilles-Vieux-Marché erreicht man eine Kreuzung. Nun weiter nach links oder rechts? Der Blick wandert erst einmal am Stoppschild vorbei geradeaus, wo sich der Weg auf einen Hügel zuschlängelt. Steinerne Häuser stehen in der prallen Sonne, sie strahlen Leere und Einsamkeit aus. Der Asphalt ist staubig. Etwas Unkraut und eine kleine schlammige Pfütze am Straßenrand lassen Regen ahnen. Kein Mensch ist zu sehen, hinten am Hang grasen Kühe.

Thibaut Cuissets französische Landschaften wirken verlassen und seltsam starr. Fast nie finden sich Menschen auf seinen Bildern. Doch es muss sie hier geben, denn sie haben die Landschaft verändert, geprägt, genutzt, oder könnte man sagen: verschandelt? Es ist eine Frage des Standpunkts.

Ungeschönte Bilder voll ernster Konzentration und Sachlichkeit    

So sieht sie aus, die Landschaft, die man jederzeit und überall sehen kann, wenn man Frankreich durchquert - und nicht nur Frankreich. Von einem Start zu einem Ziel, nur diese beiden Orte zählen in unseren Köpfen. Doch was die gesamte Route ausmacht, das Land, das wir durchqueren, bewohnen, bearbeiten und bebauen, mit Fabriksilos, Zugtrassen, Verkehrsschildern, Telefonleitungen, Drahtzäunen und Betonmauern überziehen, das zeigt Thibaut Cuisset mit ernster Sachlichkeit und Konzentration.

"Tatsächlich habe ich auf einmal gemerkt, dass ich mich gut fühle auf dem Erdboden, auf der Straße", hat Cuisset über seine jahrzehntelange Arbeit als Landschaftsfotograf gesagt. Seine Aufnahmen haben nichts, was landläufig "schön" genannt wird - und müssen auf jeden Fall als Kunst bezeichnet werden. Entstanden nach langem, konzentrierten Hinsehen und Wahrnehmen, wirken sie ehrlich und wahr.

Menschen fehlen auf Cuissets Fotografien

Auf Cuissets Bildern ist nichts geschönt. Er lässt Banales wie ein Garagendach, eine Wellblechhalle oder eine zerbröckelnde Hauswand nicht außen vor. Im Gegenteil: der Ausschnitt ist sorgfältig gewählt und zeigt "Etwas Verfeinertes, mit dem Ziel, ein Konzentrat des ausgewählten Ortes zu liefern", wie der Kunsthistoriker Didier Mouchel, ein enger Bekannter des Fotografen, über Cuissets Arbeiten sagt.

Für den Betrachter ergibt sich Erstaunliches. Diese sonnendurchfluteten Bilder von Irgendwo, aufgenommen fast ohne Schatten und fast ohne Menschen, haben zwar etwas Dokumentarisches an sich: Nur an diesem einen, unbeachteten Ort in der französischen Provinz sieht es so aus. Zugleich bekommen sie aber auch eine allgemeine, höhere Gültigkeit: Überall in Mitteleuropa erschafft und bewohnt der Mensch solche Landschaften und könnte sie überall sehen - wenn er genau hinsieht.

French Landscapes

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
218 Abbildungen, Vierfarbdruck, Fester Einband / Leineneinband, 29,7 x 24 cm, Englisch
Verlag:
Steidl
Bestellnummer:
978-3-95829-278-9
Preis:
48,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 26.04.2020 | 17:40 Uhr

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