Cover des Comics "The Artist - Ode an die Feder" © Reprodukt

"The Artist": Anna Haifischs Ode an das Comic-Genre

Stand: 11.10.2021 16:17 Uhr

Anna Haifisch zählt zu den bekanntesten Comic-Künstlerinnen Deutschlands. Ihren Durchbruch schaffte sie mit ihren Geschichten über "The Artist", eine fiktive Künstlerfigur fernab des Erfolgs und des Mainstream. Nun ist ein dritter Band erschienen.

von Mathias Heller

Man kann ihn eigentlich nur gern haben, diesen hochsensiblen, verträumten, zu Depressionen neigenden Minimalisten, der gern hochphilosophische Gedanken nachhängt. Mit seinem spitzen Schnabel, den dünnen Haaren, Armen und Beinen erinnert er an Bibo aus der Sesamstraße nach einer halbjährlichen Fastenkur. Anna Haifisch hat ihren dritten Band über den Sinn und Erfolg suchenden Künstler-Vogel in eine Oper gepackt - eine Vogeloper in Comic-Form.

"The Artist": neuer Band - neuer Blickwinkel

Wir sehen ihn in dreizehn Akten und Episoden unter anderem als Museumsbesucher, eleganten Beau, Eiskunstlaufstar, zurückgezogenen Villenbesitzer und mehr. Vorbei die Zeit der Erfolglosigkeit und des trostlosen Daseins auf einer Matratze eines kläglichen Zimmers.

"Ich wollte mal den Blickwinkel wechseln", sagt Anna Haifisch. "Ich kann ewig erzählen, wie sich ein erfolgloser Künstler quält. Ich glaube, wir schauen ihm auch noch länger dabei zu. Aber irgendwie wollte ich das opulenter machen und auch mal von der anderen Seite anschauen lassen: dass er jetzt zu Geld gekommen und wahnsinnig erfolgreich ist, aber trotzdem derselbe bleibt und sich immer noch etwas anderes wünscht. Vielleicht gibt es auch niemals eine Lösung für sein Problem."

Vom Avantgardismus über Pop Art bis hin zum Rap

Bewegt sich der "Artist" in den ersten Bänden noch in Panels, also in den kleinen eingerahmten Bildern, so lässt Anna Haifisch ihn nun frei und ungerahmt tanzen, klettern und spazieren - in ihrem avantgardistischen Stil. Da werden die 128 Seiten des Buches gerne mal zu Gemälden und Grafiken in gelb, orange und lila: Pop Art 2.0. Immer wieder tauchen dabei auch Anspielungen auf die großen Meister wie Picasso, Matisse und Hopper auf.

So grafisch beeindruckend die Bilder sind, so sprachlich tanzend, fast rappend, kommen die lyrischen Texte der Vogel-Oper daher. Ungewöhnlich für einen Comic.

Hier bin ich - ein Wirbelwind an Talent
Ein Knilch! Der nette Typ hat ausgepennt
Danke, ich bin's - die ganz große Nummer
Ade schwere Zeiten, ade alter Kummer Leseprobe

Haifisch hatte sie ursprünglich auf Englisch verfasst, doch beim Rückübersetzen festgestellt, dass sie es selbst nicht schafft. "Da ist Marcel Beyer ins Spiel gekommen. Ich habe vorher sowieso mit ihm zusammengearbeitet und finde ihn als Schriftsteller und Lyriker total toll", sagt Haifisch. "Dann kam heraus, dass er Yeats Gesamtwerk übersetzt und da dachte ich: 'Oh Gott, der ist ja perfekt.' Ich habe ihn gefragt und nicht erwartet, dass er ja sagt, weil es so ein Terror ist, Lyrik zu übersetzen. Doch dann hat er gesagt, es wäre ihm eine Ehre und mir war klar, dass der Vogel auch auf Deutsch singen kann.

Anna Haifisch: Charakterliche Parallelen zum "Artist"

Der Vogel trägt auch viel von ihr selbst, wie sie sagt: "Der liegt mir wahnsinnig am Herzen. Ich übertreibe mit ihm - also so paranoid bin ich nicht, hoffe ich zumindest. Ich finde, dass er so sensibel auf Sachen reagiert. Da würde ich sagen, dass das viel von mir kommt."

"The Artist - Ode an die Feder", so der komplette Titel des Buches, glüht vor Poesie, hat enormen Tiefgang und mehr: Haifisch gelingt es, Bild und Text so zu kombinieren, dass ein eigener Rhythmus beim Blättern im Kopf entsteht. Ein Klang aus Beats und Adagio-Momenten. Der "Artist" hat sich gemausert und Anna Haifisch ist mit dem Buch eine Ode an das Comic-Genre gelungen.

The Artist

von Anna Haifisch
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Comic
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Marcel Beyer
Verlag:
Reprodukt
Veröffentlichungsdatum:
Oktober 2021
Bestellnummer:
978-3-95640-220-3
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 12.10.2021 | 14:20 Uhr

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