Stand: 09.01.2019 10:00 Uhr

Zerbrechliches Glück

Der dunkle Garten
von Tana French, aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Vorgestellt von Juliane Bergmann
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Der Krimi spielt in einem düsteren, alten Landhaus mit verwildertem Garten.

Tana French war lange Zeit Schauspielerin. Erfolge blieben aus. Spät - nämlich mit Mitte 30 - begann sie zu schreiben. Das lief dann weitaus besser: Vielfach wurde ihr Werk seitdem ausgezeichnet. So bekam die irische Autorin 2008 für ihr Debüt "Grabesgrün" den renommierten Edgar Allan Poe Award. Jetzt ist ihr neuer Kriminalroman erschienen, den es auch als Hörbuch gibt: "Der dunkle Garten".

Ein Überfall verändert Tobys Leben

"Eigentlich hatte ich mich immer für ein Glückskind gehalten", sagt der Endzwanziger Toby, für den das Leben bislang wie am Schnürchen lief. Er arbeitet als Pressesprecher in einer Dubliner Kunstgalerie, ist angesehen und macht sich über nichts unnötig Sorgen. Er hat eine Freundin, die er liebt, Kumpel, die ihm bereitwillig beim Feierabendbier Gesellschaft leisten.

Ich habe ohnehin erst spät verstanden, was Glück sein kann, wie herrlich griffig und trügerisch, wie unnachgiebig verdreht und verknotet in seinen ganz eigenen Verstecken. Und wie tödlich. Leseprobe

Denn eines Nachts - Toby kommt angetrunken von einem Kneipenabend nach Hause - überfallen und verprügeln ihn zwei Kerle aufs Übelste:

Rauer Teppich an meinem Gesicht und überall Schmerz. Der Schmerz ist überwältigend, atemberaubend. Aber das scheint nicht besonders wichtig zu sein - oder überhaupt mit mir zu tun zu haben. Was zählt, ist der erschreckende Umstand, dass ich blind bin. Satter metallischer Blutgeruch. Auf allen Vieren kotzend. Warme Flüssigkeit platscht auf meine Finger. Leseprobe

Zwischen Wahn und Wahrheit

Markant und klar ist die Sprache im neuen Krimi von Tana French. Starke Bilder, die sie schafft. Dicht ist die Stimmung. Toby wird bei dem Überfall schwer am Kopf verletzt. Auch nach Wochen der Genesung bleiben seine Erinnerungen lückenhaft. Der einstige Gewinner-Typ wird jähzornig, depressiv.

Dem Ich-Erzähler und seiner Wahrnehmung kann der Leser nicht mehr wirklich trauen. Ein geschickter Zug: Was ist also Wahrheit und was Paranoia oder aber: Führt der Protagonist seine Mitmenschen - und uns - nur an der Nase herum?

Sehr spät kommt die Krimi-Handlung in Gang

Nun zieht Toby zu seinem krebskranken Onkel Hugo in das sogenannte Ivy-Haus, wo er als Kind seine Sommer verbracht hat. Als eine Art Sterbebegleitung. Der Ort ist unter Hugos Hand inzwischen düster und rätselhaft geworden:

Der Garten sah ebenso leicht verwahrlost aus, wie die Vorderseite des Hauses. 'Nicht bloß aus Faulheit', hatte er mir mal erklärt, während er lächelnd durch das Küchenfenster auf den sommerlichen Wildwuchs blickte. 'Ich hab's lieber ein bisschen ungezähmt. Ich find's schön, wenn der Garten sein natürliches Gesicht zeigt.' Leseprobe

Stimmungsvolles Setting

Das Setting ist super: voller Erinnerungen, alter Verflechtungen, Geheimnisse. Als im Garten in einem hohlen Baumstamm ein menschlicher Schädel gefunden wird - Identität unbekannt -, beginnt im Prinzip der Krimi. Das allerdings deutlich zu spät, nämlich erst nach 6-Stunden des Hörbuchs.

Über lange Passagen hinweg fehlt jede Krimi-Anmutung, da gleicht das Buch eher einem tragikomischen Familien-Roman. Zickereien über die vermeintlich falsche Partnerwahl, übers Rauchen, über die beste Dosis Rotwein. Tana French verheddert sich in Abzweigungen und Schlenkern. Das ist schade, denn das Erzählen, das hat sie grundsätzlich drauf.

Robert Franks Hörbuch-Lesung ist genial

Genial ist - das muss man zugeben - Robert Franks Art, das Buch zu lesen. Unangestrengt wechselt er zwischen den Charakteren, ohne dass es weitere Erklärungen braucht. Das rabaukige Kind, der erschöpfte Alte, die sanfte Freundin. Scheu und schmutzig zugleich klingt seine Interpretation von Toby, nach irgendetwas zwischen Opfer und Täter eben. Schließlich gerät der Ich-Erzähler selbst ins Zentrum der Ermittlungen:

'Kommt Ihnen dieser Bursche irgendwie bekannt vor?' Der Typ auf dem Foto trug ein Rugby-Trikot und grinste. Er war etwa 18, breitschultrig und gutaussehend mit krausem Haar und einer großspurigen lässigen Haltung. Und ja, ich erkannte ihn auf Anhieb. 'Das ist Dominic Ganley' , sagte ich. 'Woher kennen Sie den Burschen auf dem Foto?' 'Aus der Schule, er war in meiner Klasse, aber... waren Sie gute Freunde?' Leseprobe

"Der dunkle Garten" ist ein recht massiger, mitunter überladener Krimi, elegant im Erzähl-Ton. Als Hörbuch - dank des Sprechers - ist er durchaus glänzend.

Der dunkle Garten

von
Seitenzahl:
656 Seiten
Genre:
Krimi
Zusatzinfo:
Das Hörbuch „Der dunkle Garten“ von Tana French wird von Robert Frank gesprochen. Es ist für 19,95 Euro im Argon Verlag erhältlich.
Verlag:
Fischer
Bestellnummer:
978-3-651-02562-2
Preis:
16,99 €

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