Stand: 05.01.2017 12:40 Uhr

Öko-Experiment mit unerwarteten Komplikationen

Die Terranauten
von T.C. Boyle, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Vorgestellt von Krischan Koch
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T.C. Boyle wird 1948 in New York geboren und erwirbt 1977 den Doktortitel in englischer Literatur.

Seine Romane "América" oder "Willkommen in Wellville" sind Pflichtlektüre in den Schulen der USA. T.C. Boyle ist mittlerweile ein Klassiker und einer der fleißigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. In Deutschland hat er besonders viele Fans. Jetzt hat Boyle seinen 16. Roman geschrieben: "Die Terranauten".

Überleben in einem geschlossenen System

Vier Frauen und vier Männer verbringen zwei Jahre eingeschlossen in einem großen Gewächshaus in der der Wüste von Arizona. Sie sollen dort das Überleben in einem geschlossenen Ökosystem proben. Niemand darf währenddessen die große Glaskuppel verlassen und keiner darf hinein, niemand darf ernsthaft krank werden und keine der Frauen schwanger. Die acht Terranauten wurden in einem langwierigen Verfahren, das an eine Castingshow erinnert, ausgewählt. In roten Overalls ziehen die acht verfolgt von unzähligen Fernsehkameras unter dem Jubel vieler Schaulustiger in ihre neue Welt ein.    

"Worauf warten wir also?" Und dann machen alle perfekt synchron eine Kehrtwende und stellen sich hinter Diane auf, die gut aussieht, hoch aufgerichtet wie eine Kreuzritterin. Sie hat ihr Haar aufgesteckt. Alle vier Frauen haben das Haar aufgesteckt, damit sie ernster aussehen, mehr wie Wissenschaftlerinnen und weniger wie Cheerleader. Leseprobe

Anlehnung an ein reales Projekt

Das erinnert an Weltraumexpeditionen, aber auch an "Big Brother" und "Dschungelcamp". Die Geschichte hat tatsächlich ein reales Vorbild. Mit dem "Biosphere"-Projekt hatte man in den 1990er-Jahren in Arizona eine künstliche Welt erschaffen, um dort ein neues, von den Umweltzerstörungen und Kriegen der Außenwelt unberührtes Leben zu erproben.

T.C. Boyle benutzt dies nur als Ausgangspunkt und entwickelt daraus ein für ihn typisches Szenario. Voller Enthusiasmus stürzen sich die acht Terranauten in ihr neues Leben. Detailliert beschreibt der Roman den entbehrungsreichen Alltag in dem kleinen Regenwald. Ohne Hilfe von außen muss die Gruppe sich selbst versorgen: mit Ziegenmilch, selbstgezogener Rote Bete und selbstgebrautem Bananenwein. Natürlich kommt es auch zu erotischen Verwicklungen.   

Man baut eine Raumkolonie. Man bevölkerte sie mit allen Spezies, die man fangen oder ausgraben konnte. Man schaffte es, das Verhältnis von Sauerstoff zu Kohlendioxid bei lebensfreundlichen 20,9 zu 0,03 Prozent zu halten. Aber was nützte das alles, wenn die Menschen sich nicht paarten und fortpflanzten?  Leseprobe

Erzählung aus wechselnden Perspektiven

Der Roman hat drei Erzähler, aus deren wechselnder Perspektive die Ereignisse geschildert werden: die attraktive blonde Dawn, die die Tiere versorgt. Der unverbesserliche Casanova Ramsay, der sich um die Außendarstellung der Gruppe kümmert. Und Linda, die es nicht unter die acht Auserwählten geschafft hat und das Projekt jetzt leicht verbittert von außen betreut. Genüsslich entwickelt Boyle die zunehmenden Spannungen, die Eifersucht und Intrigen. Er entlarvt die Spießigkeit und Doppelmoral der angeblich so idealistischen Ökoaktivisten und die Hybris des großen Bosses und Initiators, der wie ein Sektenführer aus dem Hintergrund alles kontrolliert. Doch auf einmal scheint das ganze Projekt gefährdet.  

"Du musst mir schwören, dass du keinem ein Sterbenswörtchen davon sagen wirst." - "Was ist denn los?" Ihre Stimme wird noch leiser. "Ich glaube, ich hab meine Periode nicht gekriegt." - "Du liebe Zeit, Dawn, seit wann?" "Seit zwei Monaten vielleicht." Leseprobe

T. C. Boyle weiß, wann die Geschichte einen neuen Dreh braucht. Die Perspektivwechsel und die bildreiche Sprache halten stets die Spannung. Das ist auch eine Satire über Castingshows und New-Age-Kult. Ganz nebenbei erfährt der Leser etwas über Probleme mit Kakerlaken und Algen in Wasseraufbereitungsanlagen. Doch vor allem sind es die herrlich treffenden Beschreibungen der menschlichen Schwächen, die den Roman so unterhaltsam machen. Eine schillernde bitter-komische Komödie. Ein typischer T.C. Boyle.

Die Terranauten

von
Seitenzahl:
608 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-25386-5
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.01.2017 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/TC-Boyle-Die-Terranauten,terranauten102.html

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