Stand: 29.05.2020 14:40 Uhr  - NDR Kultur

Nachdenken über Deutschland nach Ende des Krieges

Berliner Briefe
von Susanne Kerckhoff
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Susanne Kerckhoff lebte von 1918 bis 1950 und spielte als literarische und politische Stimme eine Rolle in der Nachkriegszeit. Sie war die Tochter des Literaturhistorikers Walther Harich und der Musikerin Eta Harich-Schneider. Zu den Eckdaten ihres Lebens gehört, dass sie 1947 in den Ostsektor Berlins übersiedelte und für die satirische Wochenzeitung "Ulenspiegel" schrieb. Ab 1948 bis zu ihrem frühen Tod war sie Redakteurin und Feuilletonleiterin der Berliner Zeitung.

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Die Autorin geht der Frage nach, ob die Art, wie in Deutschland mit der Vergangenheit umgegangen wird, richtig ist oder nicht.

Der Verleger Peter Graf hat nun ihren Briefroman "Berliner Briefe" wiederentdeckt und diese kritische Stimme sozusagen noch einmal auf den "Stundenplan" gesetzt.

Eine Frau, die Helene heißt, schreibt einem Mann namens Hans nach Paris. Er ist vor den Nazis dorthin geflohen und fragt nach dem Krieg nach ihr, bittet sie, ihm zu erzählen, wie es ihr ergangen sei. Sie antwortet zögerlich, fast spröde:

Mein Lebensgefühl verdeutlicht sich vielleicht in dem Bild, als sei ich ein Teil des Trümmeratems von Berlin - Staub, Ruinen, Tote - aber auch Hoffnung, Zuversicht, Neubau, manchmal gleißend bunt und lügnerisch; es gibt Augenblicke, wo ich Zuversicht und Neubau für gesund halte. Leseprobe

Briefe an einen fernen Freund

Dazu formuliert Susanne Kerckhoff vor allem auch ihre Zweifel und die große Unruhe:

Ich male schwarz-weiß, sicher tue ich das. Zu vielen Bildern, die sich mir aufdrängen, mache ich einfach die Augen zu: das will ich nicht sehen! Eine besondere Art der Verwahrung? Die Wogen des Mitleids, des Grauens - ich will mich nicht von ihnen überspülen lassen. Ich gehe sparsam mit mir selbst um. Leseprobe

Eine erstaunliche Formulierung ist das: Ich gehe sparsam mit mir selbst um! Man hört es schon in diesen Zeilen, wie viele Skrupel diese Autorin hat, wie leidenschaftlich sie nach Wahrheit sucht. Sie verfügt über eine brillante Formulierungsgabe und was sie umtreibt, sind immer wieder die Fragen danach, ob das, was in Deutschland geschieht, wie mit der Vergangenheit umgegangen wird, richtig ist oder nicht.

Die Autorin leidet unter den Intrigen männlicher Kollegen

In ihrem eigenen Leben, nicht in dem der Figur Helene, die sie erfunden hat, befand Susanne Kerckhoff sich in einer absolut männerdominierten Kulturszene und sie geriet in die Intrigen-, Macht- und Hahnenkämpfe von Stephan Hermlin, Walter Ulbricht und ihrem Halbbruder Wolfgang Harich.

In einem offenen Brief, so erzählt es Peter Graf in seinem Nachwort, hatte sie dem Schriftsteller Nico Rost vorgeworfen, er habe seiner Feindseligkeit gegenüber dem polnischen Volk Ausdruck verliehen.

Ein Vorwurf, der nicht nur Stephan Hermlin zu einer sehr polemischen und im Ton bewusst verletzenden Gegenrede in der "Täglichen Rundschau" provozierte. Leseprobe

Als Folge des Mobbings nimmt sich die Autorin das Leben

Diese heftige Debatte führte dazu, dass eine erfolgreiche Journalistin und hoffnungsvolle Schriftstellerin systematisch kaltgestellt wurde: 

... von unter anderem eben jenen  Männern, die sich so einer Kritikerin entledigten, deren moralische Rigorosität nicht nur an ihrer eigenen antifaschistischen Hybris nagte, sondern die ganz allgemein die Aufrichtigkeit der "eigenen Leute" infrage stellte, die geistig-kulturelle Erneuerung in Deutschland wahrhaftig zu wollen und umzusetzen. Leseprobe

Für Susanne Kerckhoff begann ein schmerzhafter Grabenkrieg. 1950 nahm sie sich das Leben. Zu einer solchen Tat gehört vermutlich immer ein ganzes Motivbündel, aber diese Angriffe spielten offenbar eine Rolle dabei.

In ihrem nun herausgegebenen Briefroman kann man nachlesen, wie klar und selbstkritisch ihr Versuch war, sich mit dem Grauen der politischen Vergangenheit Deutschlands auseinanderzusetzen. Sie wollte in keiner Weise darüber beruhigen. Ihrem Briefpartner Hans in Paris erzählt sie, was sie denkt über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und tut das in einer Weise, die bis heute erstaunt und beeindruckt.

Berliner Briefe

von
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Herausgegeben von Peter Graf, 14×21,5 cm, gebunden, mit Kopffarbschnitt und Prägung
Verlag:
Das kulturelle Gedächtnis
Bestellnummer:
978-3-946990-36-9
Preis:
20,00 €

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