Stand: 23.10.2018 10:00 Uhr

Spiel um Wahrheit und Wirklichkeit

Den blinden Göttern
von Steven Uhly
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Steven Uhly, 1964 in Köln geboren, hat Literatur studiert und lehrte in Brasilien und Deutschland. "Den blinden Göttern" ist sein neues Werk.

Seit Jahren gehören die Romane des Literaturdozenten und Übersetzers Steven Uhly zu den heimlichen Bestsellern hierzulande. Sie schaffen es zwar nicht ganz bis auf die einschlägigen Bestsellerlisten, werden aber ausgezeichnet und verfilmt. Mit seinem neuen Roman "Den blinden Göttern" ist Steven Uhly jetzt zur LiteraTour Nord eingeladen.

Eine verwirrende Geschichte

"Diese Geschichte ist eigentlich zu verworren, um ein Bestseller zu werden", heißt es auf Seite 174, und da ist man als Leser tatsächlich bereits sehr verwirrt.

"'Die Leute wollen eigentlich keine Literatur - sie wollen Wirklichkeit, verstehen Sie? Aber eine geordnete Wirklichkeit, eine, die in ein literarisches Genre passt, eine, die ein Thema enthält. Nicht so ein Durcheinander wie das hier.'" Leseprobe

Das klingt fast so, als würde ein Autor im Text selbst den maximal mäßigen Erfolg seines vermeintlichen Meisterwerks vorwegnehmen. Aber dazu müsste man natürlich wissen, wer der Autor überhaupt ist und was der Text. Genau das ist die Krux in diesem Roman. Oder ist es gar kein Roman, sondern eine kommentierte Sammlung von Sonetten?

"'Glauben Sie, wir könnten in den Gedichten konkrete Hinweise auf den Autor finden? Hinweise, die uns vielleicht helfen, der Wahrheit näherzukommen?'
'Sie meinen abgesehen von Varianten, Fehlern und Handschriften? Lyrische Hinweise gewissermaßen?' Der junge Mann blickte Keller skeptisch an. 'Ich weiß nicht', sagte er dann, 'was für eine Wahrheit erwarten Sie denn von einem Gedicht? Eine korrekte Abbildung der Wirklichkeit?'" Leseprobe

Auf der Suche nach der Wahrheit

Diese Frage stellt sich genau so für diesen Roman. Vordergründig geht es um den misanthropischen Buchhändler Friedrich Keller. Er ist Angestellter in einer Münchner Großbuchhandlung, zuständig für die nahezu unverkäufliche Lyrik. Eines Tages steht plötzlich ein, naja, Penner vor ihm.

"Der abgerissene, nach Schmutz und Alkohol riechende Mann, dessen Gesicht hinter einem ungepflegten Bart verborgen geblieben war, würde niemals in seinem ansonsten eher unzuverlässigen Gedächtnis verblassen. Eines Abends kurz vor Ladenschluss hatte er unvermittelt in der Lyrikabteilung vor ihm gestanden, in der ausgestreckten linken Hand einen Stapel loser Blätter. Kein Wort war über seine überwucherten Lippen gekommen, und als Keller nicht reagierte, hatte er den Stapel auf die nahe Theke gelegt und war gegangen. So war dieser Schatz auf ihn gekommen." Leseprobe

Denn Friedrich Keller meint schnell zu erkennen, dass diese Sammlung von Sonetten eines gewissen "Radi Zeiler", wie auf dem Deckblatt steht, wegen ihrer philosophischen Tiefe schlicht "göttlich" ist. So faszinierend, dass er sich auf die Suche nach Zeiler macht - womit die völlige Verwirrung ihren Lauf nimmt.

Wer spinnt hier?

Anfangs mag man es noch auf den für Keller ungewohnten Alkohol in der Künstlerkneipe "Zum heißen Sporn" schieben. Aber als sich der ominöse "Radi Zeiler" (streng riechend) in der Münchner Familienvilla einquartiert, die Keller seit Jahren wie ein Museum vergangener Zeiten allein bewohnt, als sich "Radi Zeiler" (wie auch immer!) als sein Zwillingsbruder entpuppt (oder sogar als er selbst) und schließlich das gesamte Haus mit syrischen Flüchtlingen belegt wird, ist klar: Irgendwer spinnt hier! Keller, der das alles für wahr nimmt? Wir Leser, die auch nicht mehr so genau wissen, worum es eigentlich geht? Oder der Autor Steven Uhly, der sich selbst als Sprachwissenschaftler im Roman verewigt und alles für wahr erklärt?

"Er lächelte gewitzt. Dann setzte er eine ernste Miene auf: 'Ich kann unser Buch jetzt natürlich nicht mehr als Fiktion behandeln, das werden Sie verstehen. Die Wahrheit bringt Verpflichtungen mit sich, gewissermaßen.'" Leseprobe

Der Verlag spielt das Spiel um Wahrheit und Wirklichkeit mit und äußert: "Steven Uhly hat dem Verlag gegenüber diesbezüglich sehr widersprüchliche Äußerungen gemacht. Wir hatten daher kurzfristig in Erwägung gezogen, auf eine Veröffentlichung zu verzichten, da wir die Befürchtung hegten, in eine Grauzone zu geraten. Doch die außergewöhnliche Qualität beider Manuskripte - die Sonett-Sammlung und die ihr zur Seite gestellte Erzählung - ließ uns keine andere Wahl."

So liegt nun beides vor. Wer Spaß an literarischem Rätselraten hat, kommt mit diesem - bestimmt erneut preisverdächtigen - Vexierspiel garantiert auf seine Kosten.

Den blinden Göttern

von
Seitenzahl:
226 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Secession
Bestellnummer:
978-3-906910-44-4
Preis:
22,00 €

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