Steven Price: "Der letzte Prinz" (Cover) © Diogenes

Steven Price: "Der letzte Prinz"

Stand: 30.12.2020 15:14 Uhr

Erst nach dem Tod des Autors Giuseppe Tomasi di Lampedusa wird die Bedeutsamkeit seines Romans erkannt und "Der Leopard" - auch als Film - zum Welterfolg.

von Andrea Heußinger

200 Kilometer südlich von Sizilien liegt die Insel, die auch Namensgeber ist für ein einst großes und einflussreiches Fürstengeschlecht. Im 17. Jahrhundert hatte Giulio Vincenzo Tomasi vom spanischen König den Titel "Fürst von Lampedusa" verliehen bekommen. Verschwunden ist das Adelsgeschlecht mit seinem heutzutage wohl bekanntesten Familienmitglied: Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Verfasser des weltberühmten Romans "Il Gattopardo", bekannt auch durch die opulente Verfilmung von Luchino Visconti mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon in den Hauptrollen.

Ärmliches Leben zwischen Trümmern

Es gibt Bücher, bei denen wundert man sich, dass sie nicht schon längst geschrieben wurden: "Der letzte Prinz" von Steven Price ist so eines: Die letzten Jahre im Leben des Giuseppe Tomasi di Lampedusa, geboren Ende des 19. Jahrhunderts in Palermo. Der mondäne Palast, in dem er aufgewachsen ist, liegt seit einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche. Die Mutter verbrachte ihr letztes Lebensjahr todkrank in den Trümmern.

Inzwischen ist sie seit neun Jahren tot, es ist 1955: Giuseppe lebt mit seiner Frau Alexandra, deutsch-baltische Baronesse und einzige Psychoanalytikerin Italiens, in einem Palazzo in der Nähe des zerstörten Familiensitzes. Tagtäglich durchstreift er das staubige Palermo, stöbert in Buchhandlungen, sitzt in Cafés - so gut es geht darauf bedacht, seine immer schwieriger werdende finanzielle Situation zu ignorieren.

Er, Giuseppe Tomasi di Lampedusa, hatte nichts hervorgebracht. Alles, was er gekannt hatte, die großen Häuser seiner Jugend, seine Erinnerungen, seine Ängste, all das würde mit ihm verschwinden; dann gäbe es keinen Giuseppe mehr, keinen Jungen in kurzen Hosen, der einen Reifen vor sich her trieb, keinen dicken alten Melancholiker, der nachdenklich das geschnitzte Leiden eines Christus betrachtete, keine Spur seines Daseins auf Erden. Er, Giuseppe, dachte mit plötzlicher Bitterkeit, dass er nicht nur er selbst war, sondern alles, woran er sich erinnerte, alles, was er getan und gelernt hatte. All das würde mit ihm ausgelöscht werden. Leseprobe

Machtverlust und Untergang einer Familie

Als bei ihm ein tödliches Lungenemphysem diagnostiziert wird, setzt Giuseppe ein lang gehegtes Vorhaben endlich in die Tat um. Der passionierte Leser und Literatur-Bewunderer beginnt, selbst einen Roman zu schreiben. Sein Thema: eine Welt, die im Begriff ist unterzugehen - wie seine eigene. Anhand der sizilianischen Fürstenfamilie Salina beschreibt er den allmählichen Machtverlust des Adels in Folge der italienischen Einheitsbewegung. Viele Figuren haben ihr Vorbild in der eigenen Familie Giuseppes.

Er hatte daran gedacht, einen Roman in der Art von Joyce zu schreiben, einen Bericht über vierundzwanzig Stunden im Leben seines Astronomie betreibenden Urgroßvaters während der Landung von Garibaldis Truppen im Mai 1860. Sein Fürst, Don Fabrizio, sollte mit Unbehagen das Ende seiner Welt und seines Standes und die Herankunft des neuen Italiens beobachten. Ein Neffe, Tancredi, gutaussehend, charmant, unbeständig, würde seine Chance erkennen und sich auf die Seite der Rothemden schlagen. Ende Mai war er mit den ersten vierundzwanzig Stunden fertig, war seinem Fürsten vom Morgengebet in der Familienkapelle durch den Tag im Stadtpalast gefolgt, hatte Tancredi fortgehen sehen, um sich Garibaldi anzuschließen, war dem alternden Fürsten zu einem Rendezvous nach Palermo gefolgt und bereits beim nächsten Morgengebet angelangt, um dann erkennen zu müssen, dass, was er sich fünfundzwanzig Jahre lang als ganzen Roman vorgestellt hatte, in Wirklichkeit nur der Anfang war. Leseprobe

Schauplätze, Menschen und wichtige Ereignisse im Leben der Romanfigur

Wie der "Gattopardo" ist auch "Der letzte Prinz" in acht Teile gegliedert. Auch manche Szenen greift Price auf und wandelt sie ab: Die Sommerfrische wird nicht im eigenen Landschloss sondern bei Verwandten absolviert, der rauschende Ball ist hier eine Party anlässlich der Adoption von Giuseppes Ziehsohn.

Price nimmt uns mit auf eine Abschiedstour zu den Schauplätzen, Menschen und wichtigen Ereignissen im Leben seiner Hauptfigur. Auch hier sind sich der Roman und sein Vorbild sehr ähnlich: voller Melancholie und ohne Illusionen, poetisch geschrieben, voller interessanter Figuren. Immer wieder staunt man über die Ähnlichkeit zwischen Giuseppe und dem Protagonisten seines ersten (und einzigen) Romans.

Der wird nicht veröffentlicht werden - zumindest nicht zu Giuseppes Lebzeiten. Erst nach seinem Tod wird die Bedeutsamkeit erkannt und "Der Leopard" zum Welterfolg. "Der letzte Prinz" macht große Lust, diesen Klassiker der italienischen Literatur - wieder - zu lesen, oder den Film von Luchino Visconti anzuschauen- und irgendwann den Familienpalast in der Via di Lampedusa in Palermo zu besichtigen: Der wurde nämlich vor wenigen Jahren wieder aufgebaut.

Der letzte Prinz

von Steven Price, aus dem Englischen von Malte Krutzsch
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07143-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.12.2020 | 12:40 Uhr

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