Stand: 06.11.2018 18:50 Uhr

Der mächtigste Mythos der Menschheit

Die Geschichte von Adam und Eva
von Stephen Greenblatt
Vorgestellt von Christian Feldmann

Warum lassen sich immer noch Millionen Menschen, gläubige wie skeptische, von den uralten Geschichten um Adam und Eva, um die Schöpfung der Welt, um die Anfänge von Liebe und Schuld und Verantwortung faszinieren? Der Harvard-Literaturprofessor Stephen Greenblatt hat sich mit genau diesem Rätsel beschäftigt.

"Auf den ersten Blick würde man dieser Geschichte kaum zutrauen, dass sie solche Bedeutung gewinnen konnte. Die Vorstellungskraft eines leicht zu beeindruckenden Kindes mochte sie beflügeln, Erwachsene dagegen würden die Kennzeichen ausufernder Imagination sofort erkennen: ein magischer Garten; ein nackter Mann und eine Frau, die auf eine Weise auf die Welt kamen, in der kein anderer Mensch je geboren wurde; eine sprechende Schlange; ein Baum, der das Wissen von Gut und Böse zu bringen vermag; ein anderer, der ewiges Leben verleiht. Alles Fiktion, sie könnte fiktiver nicht sein, die Erzählung schwelgt in den Freuden der Illusion." Leseprobe

"Alles Fiktion"

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Stephen Greenblatts Buch ist eine wunderbare Einladung, wieder zu fragen - und zu träumen.

Warum also erscheinen diese Geschichten, wie Greenblatt schreibt, so "betörend real"? Man weiß ja - und Greenblatt zeigt dies -, dass die biblischen Legenden von der Erschaffung des ersten Menschenpaars, von seinem Ungehorsam gegen Gott, von der Herrlichkeit und dem Verlust des Paradieses weder die ersten noch die einzigen einschlägigen Welterklärungsmodelle darstellen. Es gibt sumerische und babylonische Epen, die viel älter sind und verblüffende Parallelen beinhalten. Die Hebräer brachten ihre Geschichten von Adam und Eva höchstwahrscheinlich im babylonischen Exil, im heutigen Irak also, in eine elegante literarische Form, um die Mythen ihrer Umwelt zu überbieten und die universale Macht ihres Gottes zu belegen. Man weiß auch längst, dass die sieben Schöpfungstage und die tückische Schlange im Paradies und Evas Apfel und Adams Lendenschurz nicht wörtlich zu verstehen sind, sondern bildlich, dass die Bibel keine historischen Protokolle wiedergibt, sondern Ideen illustriert.

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Und doch gibt es zahllose Menschen, die diese Geschichten wörtlich nehmen. Deren Wirkung beschränkt sich übrigens nicht auf Judentum und Christentum. Im Koran macht sich der Versucher nicht als Schlange verkleidet, sondern in Gestalt eines wunderschönen Kamels an die ersten Menschen heran, nach Ambra duftend, mit Augen wie der Planet Venus und mit einem farbenfrohen Schwanz.

Ein begnadeter Erzähler

Der Pulitzer-Preisträger Greenblatt will wissen, was all die Literaten, Theologen, Philosophen, Naturforscher und Maler an den alten Geschichten gefesselt hat. Beim Kirchenvater Augustinus, der in vielen Details für ein wörtliches Verständnis plädiert hat, hält er sich besonders lange auf - und beim britischen Dichter John Milton, der in seinem ganz privaten Ehedrama in der Schöpfungsgeschichte Trost fand.

"Was also seinen Fall betraf, so steckte Milton in einer Ehe fest, die er als katastrophalen Fehler betrachtete - und seiner Frau Mary erging es nicht anders. Den 'Unsinn kanonischer Ignoranz' könne die freie Seele einer wackeren und gebildeten Person, so Milton, leicht beiseitewischen. Das eigentliche Problem bestehe darin, dass der Messias die Scheidung, eheliche Untreue ausgenommen, anscheinend selbst verboten hatte, indem er sich auf die Erzählung von Adam und Eva berufen habe." Leseprobe

Das ist aufregend und unterhaltsam zu lesen, Greenblatt ist ein begnadeter Erzähler. Man lernt viel über die Mythen des alten Orients und über die Ernsthaftigkeit, mit der sich Theologen wie Augustinus oder Origenes mit der eigenen Schulderfahrung herumschlugen. Interessant ist der Exkurs über Darwin, der nichts gegen den Gottesglauben hatte, aber viel gegen die Adam-und-Eva-Geschichten und die Schlussfolgerungen daraus.

Antworten auf existenzielle Fragen

Diese alten Geschichten, so Greenblatt, sind wohl deshalb bis heute so einflussreich, weil sie Antworten auf zutiefst existenzielle Fragen geben: Woher kommen wir? Warum lieben wir? Warum leiden wir? Was heißt es, ein Mensch zu sein? Die Forschung, auch die moderne Theologie, hat die Geschichten vielleicht entzaubert. Aber ihre Helden bleiben präsent.

Nein, auch Greenblatt weiß nicht alle Antworten. Aber sein Buch ist eine wunderbare Einladung, wieder zu fragen - und zu träumen.

Die Geschichte von Adam und Eva

von
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Siedler Verlag
Bestellnummer:
978-3827500410
Preis:
28,00 €

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