Stefan Aust wird 75: "Ich war vier Mal in der Uni"

Stand: 01.07.2021 19:13 Uhr

Stefan Aust schrieb mit "Der Baader-Meinhof-Komplex" das wohl erfolgreichste deutsche Geschichtsbuch überhaupt, war Chefredakteur beim "Spiegel" und ist heute Herausgeber der "Welt". Heute feiert Aust seinen 75. Geburtstag.

von Danny Marques Marcalo

Betriebswirtschaftslehre - das wollte Stefan Aust eigentlich mit seinem Leben machen. Aber er fand es einfach nur langweilig. "Ich war vier Mal in der Uni", erzählt Aust: "Einmal zum Einschreiben. Einmal zum Belegen. Einmal zur Vorlesung und einmal zum Sommerfest."

Stefan Aust: Mit 19 bei "konkret"

Stattdessen geht er mit 19 zur linken Zeitschrift "konkret". Besonders politisch sei er aber eigentlich nicht, sagt er. Es sei sowieso nicht alles so geplant gewesen. Er kannte jemanden, der jemanden kannte. Das ist so ein roter Faden in seinem Leben. "Man darf nicht vergessen, wie viele unglaubliche Zufälle es gibt, die das Leben in die eine oder andere Richtung lenken", sagt Aust.

Auch ein Zufall: Bei "konkret" arbeitet er unter einer gewissen Ulrike Meinhof. 1970 geht sie in den Untergrund und wird eine der Anführerinnen der Terrorgruppe RAF. Er habe eigentlich immer ganz gut mit ihr gekonnt, sagt Aust. Eine andere Kollegin hatte es schwerer: "UIla Rowohlt, die spätere Ehefrau von Harry Rowohlt, musste für die immer Sachen beschaffen. Und da habe ich häufig gesehen, wie Ulrike die angeschrien hat. Sie konnte sehr nett sein - war aber auch ziemlich arrogant."

"Der Baader-Meinhof-Komplex": millionenfach verkauft

Als die RAF mordend durch Deutschland zieht, ist Aust Reporter beim NDR Magazin Panorama. 1985 sind viele der Terroristen tot oder eingesperrt. Und Stefan Aust ist berühmt. Sein Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" verkauft sich millionenfach und prägt das Image der RAF bis heute. Zu seinen jahrelangen Recherchen kann Stefan Aust stundenlang Anekdoten erzählen.

Eine geht so: Andreas Baader und Horst Mahler wollen ihn erschießen. Er flüchtet rechtzeitig über den Balkon. Jahre später trifft Aust Mahler wieder und sie verstehen sich prächtig. "Wenn jemand versucht hat, Sie umzulegen und es nicht geschafft hat, schmiedet das irgendwie zusammen - ganz egal, welchen politischen Weg er gerade geht", erzählt Aust lächelnd.

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Vielleicht auch, weil er "Spiegel"-Verleger Rudolf Augstein, natürlich zufällig, schon seit den 70er-Jahren kennt, wird Stefan Aust Chefredakteur des Nachrichtenmagazins. Die Auflage steigt. Bei Interviews holt er gerne mal eine Tabelle raus, die den Erfolg belegt. Stefan Aust gibt sich im Gespräch bescheiden. Dass er ehrgeizig ist, kann er aber kaum verstecken. Wenn es um seine Zeit bei Panorama geht, sagt er lächelnd: "Ich habe 15 Jahre Panorama hinter mir gehabt und immer gesagt: Jede Panorama-Sendung ohne einen Beitrag von mir ist eine verlorene Panorama-Sendung."

2007 verlässt er den "Spiegel", nicht ganz friedlich. Mittlerweile ist er Herausgeber der "Welt". Sein Handy ploppt praktisch im Minutentakt mit neuen Nachrichten. 75 Jahre ist er alt und es scheint klar, dass er freiwillig niemals in Rente gehen wird: "Der Mensch ist ein problemlösendes Tier. Dazu gehört auch, dass man manchmal Probleme nicht lösen kann. Manchmal sage ich bei Dingen spontan zu, obwohl ich hinterher denke: Du bist doch total bekloppt."

Wenn er mal nicht arbeitet, dann ist er auf dem Pferd. Seine Zuchttiere sind gefragt - und teuer. So viel Erfolg im Leben - das kann kein Zufall sein. Stefan Aust ist strahlt auch mit 75 noch dieses gewisse Feuer aus und sucht immer den nächsten Erfolg.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 01.07.2021 | 19:00 Uhr

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