Stand: 12.12.2019 12:40 Uhr  - NDR Kultur

Beichten einer ungewöhnlichen Stalkerin

Das Adressbuch
von Sophie Calle, aus dem Französischen von Sabine Erbrich
Vorgestellt von Katja Weise
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Sophie Calles Projekt ist heftig umstritten, denn es überschreitet Grenzen der Diskretion.

Die französische Künstlerin Sophie Calle ist bekannt für ihre Grenzüberschreitungen und Tabubrüche. Immer wieder sucht sie für ihre Arbeiten die Nähe zu anderen Menschen, die das oftmals gar nicht bemerken. Im Juni 1983 fand sie in den Straßen von Paris ein Adressbuch, steckte es ein und sandte es anonym an seinen Besitzer zurück. Nachdem sie alle Adressen kopiert hatte - für ihr "Adressbuch". Das ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Übergriffig, indiskret, genial - viele weitere Adjektive ließen sich finden für die Idee, die Sophie Calle im Sommer 1983 kam: ungewöhnlich ist das wohl neutralste. Die Künstlerin entschied damals, die Menschen anzurufen, deren Adressen sich in dem verloren gegangenen Büchlein fanden, und sie zu dem Mann zu befragen, dem es gehörte, Pierre D.:

Die Angst vor dem ersten Gesprächspartner. Vor demjenigen, dem ich zum ersten Mal sagen muss, dass ich ein Adressbuch gefunden habe und dass ich Nachforschungen über den Besitzer anstelle. Ich wähle eine Nummer, ich zögere, ich lege auf. Angst. Ich lasse es. Leseprobe

Nachforschungen über einen Unbekannten

Stattdessen wählt sie die Nummer von Pierre D. - und erreicht seinen Anrufbeantworter.
Sophie Calle hinterlässt keine Nachricht, sie freut sich über seine schöne Stimme, die sie als jung, klar und energisch beschreibt. Einen Tag später spricht sie dann mit einem Thierry L., der allerdings meint, er kenne Pierre D. gar nicht so gut. Trotzdem hat er etwas zu sagen.

Was, das erfahren auch die Leser der Tageszeitung "Libération". Einen Monat lang berichtet die Künstlerin in einer täglichen Kolumne von ihren Recherchen und weiteren Begegnungen. Fast alle der von ihr nach dem Zufallsprinzip ausgesuchten Bekannten von Pierre D. willigen in ein Gespräch ein, nur wenige kritisieren das Projekt als "indiskret", Louis S. beispielsweise brüllt in den Telefonhörer, er finde es "scheußlich".

Warum wollte ich diesen Mann nicht verstehen, nicht anhören? Ich ertrage die Zurückweisung nicht, ich hätte ihm erklären sollen, dass ich Pierre nichts Schlechtes will. Plötzlich habe ich Angst vor dem, was ich tue, Skrupel. Leseprobe

Medien berichten über das Projekt der Künstlerin

Trotzdem macht sie weiter, überschreitet Grenzen, heute würde man wohl von "Stalking" sprechen. Sophie Calle sucht nach Pierres Wohnung, fährt aufs Land, dort leben Verwandte. Ihr Experiment macht immer noch neugierig, stößt auch ab und wirft dabei aktuelle, spannende Fragen auf: Wie nah darf man einem Menschen ohne dessen Wissen und Einwilligung kommen?

Darf man diese Einsichten dann auch noch öffentlich teilen? Rechtfertigt die Tatsache, dass die Künstlerin Pierre "nichts Schlechtes" will, den Tabubruch zumindest teilweise? Pierre wird später finden: Nein. Auf die Veröffentlichung in "Libération" folgt ein handfester Skandal, die Texte durften zu seinen Lebzeiten nicht mehr gedruckt werden. Obwohl er trotz vieler Details, die seine Freunde und Bekannten enthüllen, seltsam körperlos bleibt.

Indiskrete Grenzüberschreitungen

Die Beschreibungen fügen sich ineinander. Das Porträt wird immer schärfer und gleichzeitig verblasst es. Leseprobe

Heute, wo es im Netz kaum noch Grenzen der Selbst- und Fremddarstellung gibt, wirkt das, was Sophie Calle schildert, fast harmlos, und doch ist sie eingedrungen in ein Leben. Das hat beispielhaften Charakter, spielt kalkuliert mit unserer Neugier und dem daraus resultierenden Schauder des eigentlich Verbotenen. Gleichzeitig zeigt dieses Projekt, wie schwer es ist, einen Menschen zu kennen. Pierre bleibt bis zum Schluss, so formuliert es eine Freundin, eine "Wolke in Hosen". Trotzdem wünscht man sich am Ende, nie sein Adressbuch zu verlieren. Diskretion, daran erinnert dieses schmale "Adressbuch" mit Macht, ist ein hohes Gut.

Das Adressbuch

von
Seitenzahl:
105 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Bibliothek Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-22510-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.12.2019 | 12:40 Uhr

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