Stand: 06.01.2017 17:40 Uhr  | Archiv

Ein neues Seherlebnis - die Welt in Punkten

von Silke Lahmann-Lammert

Heute verbietet es sich, ein Ölgemälde von Georges Seurat aus allernächster Nähe zu betrachten. Die Werke des französischen Malers hängen in den großen Museen der Welt - und dort schrillen Alarmglocken, sobald ein Besucher einem Bild deutlich zu nahe kommt. 1886, als Seurat zehn Arbeiten auf der Pariser Impressionisten-Ausstellung zeigte, gab es noch keine Alarmanlagen. Man kann sich vorstellen, dass viele Kunstfreunde ihre Monokel zückten, um aus wenigen Zentimetern Abstand die flirrenden Sommerszenen auf seinen Gemälden zu inspizieren.

Der Effekt muss verblüffend gewesen sein: Je näher man den Bildern von Seurat kommt, desto weniger sieht man. Die Motive lösen sich in ihre Bestandteile auf, bis nichts übrig bleibt als Punkte. Obwohl Seurats Malstil, den wir heute Pointillismus nennen, zunächst auf Widerstand stieß, begeisterten sich bald Künstler in ganz Europa für die Tupfentechnik. Im Hirmer Verlag ist jetzt ein Bildband erschienen, der seine Leser mitnimmt in die lichtdurchfluteten Landschaften von Punktemalern wie Seurat, Signac oder Cross.

Flirrende Atmosphäre - vibrierendens Licht

Ein später Vormittag im Juli. Es ist heiß, die Luft flirrt. In einem Obstgarten haben fünf junge Frauen Zuflucht im Schatten eines Baums gesucht. In langen, duftigen Kleidern sitzen sie um einen Tisch voller Blumen. Erstaunlich ist die Perspektive: Drei der Frauen haben dem Betrachter den Rücken zugewandt, die Gesichter der anderen beiden bleiben unter ihren Strohhüten verborgen. Offenbar wollte der flämische Pointillist Théo van Rysselberghe keine erkennbaren Personen malen, sondern einfach nur Licht und Stimmung eines Sommertages im Jahr 1890 einfangen: "(So) dass die Aufmerksamkeit des Betrachters ganz auf den Garten gelenkt wird, der, in seiner grünen Pracht und vom Sonnenschein hell beleuchtet, dekorativ anmutet."

Das Gras, das Blattwerk der Bäume, die pastellfarbenen Kleider der Frauen scheinen im Sommerlicht zu vibrieren. Überall schillern und schimmern, flimmern und flirren Reflexionen der Sonne. Ein Effekt, den van Rysselberghe erzielt, indem er jedes Detail der Szene aus winzigen Farbtupfern zusammensetzt. Ende der 1880er-Jahre hatte der Flame in Paris den Maler Georges Seurat und die von ihm entwickelte Punktetechnik kennengelernt. Augenblicklich war Rysselberghe vom Pointillismus-Fieber infiziert.

Rückkehr ins Maleratelier

Die Malweise, die dem Künstler Geduld und Präzision abverlangt, hatte zunächst Befremden ausgelöst. Paul Gauguin nannte die Pünktchenvirtuosen "junge Chemiker, die kleine Punkte anhäufen".

Und in gewisser Weise hatte er recht: Tatsächlich berief sich Georges Seurat auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Insbesondere auf die Farbtheorien von Michel-Eugène Chevreul, "… wonach das menschliche Auge eng nebeneinandergesetzte Punkte in ungemischten Farben zu einer neuen Farbe mischen würde, wenn sie aus entsprechender Entfernung wahrgenommen (werden)".

Damit standen die "wissenschaftlichen Impressionisten" - wie die Pointillisten zunächst genannt wurden - in krassem Gegensatz zur Pioniergeneration, den "romantischen Impressionisten": Maler wie Monet oder Renoir wollten den Moment einfangen und mit genialem Pinselschwung Licht und Atmosphäre eines Augenblicks auf die Leinwand bannen. Das Tüpfeln der Pointillisten empfanden sie als kleingeistige Pedanterie. Aber der Lauf der Zeit ließ sich nicht anhalten. Immer mehr Freilichtmaler packten ihre Staffeleien ein und kehrten zurück ins Atelier, um dort mit der Punktetechnik genau berechnete Lichteffekte zu erzeugen.

Bilder voller Wärme, Licht und Farben

In dem neuen Bildband können Leser verfolgen, wie die Pointillismus-Welle Frankreich, Belgien, die Niederlande und sogar Maler wie Van Gogh und Picasso kurzfristig erfasste. Ein Genuss für Geist und Augen: gut geschriebene Texte, spannende Künstlerbiografien, fundierte Gemäldeinterpretationen.

Vor allem aber schwelgt das Buch in Bildern: Auf ganzseitigen Reproduktionen glitzern die Lichtreflexe von Paul Signacs "Segelboote(n) im Hafen von Saint-Tropez" um die Wette mit Gustave Cariots abendlichen Sonnenstrahlen über den Dächern von Paris. Genau die richtige Lektüre für diese Jahreszeit: Durch die Seiten zu blättern, wirkt wie ein Sommerspaziergang mitten im Winter - voller Wärme, Licht und Farben.

Seurat, Signac, van Gogh - Wege des Pointillismus

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hg. Klaus Albrecht Schröder, Beiträge von M.-L. Bernadac, C. Grammont, K.A. Schröder, H. Widauer
Verlag:
Hirmer
Bestellnummer:
978-3-7774-2636-5
Preis:
34,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 08.01.2017 | 17:40 Uhr

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