Stand: 11.08.2020 10:40 Uhr  - NDR Kultur

Romanschauplätze: Der "Hainberg" in Göttingen

von Irene zu Dohna
Dominik Kimyon auf dem Göttinger Hainberg  Foto: Irene zu Dohna
Rund um den Göttinger Hainberg lässt Dominik Kimyon seinen gleichnamigen Krimi spielen. Den Autor beeindruckt immer wieder der weite Ausblick.

Seit Jahren ist ein besonderer Trend auszumachen: Immer mehr Regionalkrimis erscheinen auf dem Buchmarkt. Auch im südniedersächsischen Göttingen geschieht der ein oder andere literarische Mord. Autor Dominik Kimyon führt uns zu einigen seiner Lieblings-Romanschauplätze aus seinem Krimi "Hainberg".

In den Sommermonaten sind die Schillerwiesen - ein Park mit weiten Wiesenflächen und bis zu 100 Jahre alten Bäumen - ein beliebter Treffpunkt in Göttingen zum Grillen, Spielen, Chillen. Hier, unterhalb des Hainbergs, steht eines Abends mitten auf der Wiese ein Auto. Auf dem Rücksitz: ein toter Mann. Kommissar Christian Heldt begibt sich auf Spurensuche. Im Roman klingt das so:

Um besser urteilen zu können, studierte Christian das Papier genauer. Dann las er laut vor: "Plagiatsvorwürfe am Kunstseminar - Göttinger Wissenschaftler und Schummel-Verdacht". Die Zeitungsseite war in der Mitte zerrissen, quer durch den Artikel, der auf die Überschrift folgte. Er überflog die übrig gebliebenen Textpassagen und die Bildunterschrift. Kein Zweifel, es war der Mann, der mausetot auf der Rückbank eines Autos lag. Leseprobe

Stadt mit viel Potential für Krimis

Mit Anfang 20 zog Krimi-Autor Dominik Kimyon nach Göttingen. Er studierte hier Medienwissenschaften und Sozialpsychologie. Seit zweieinhalb Jahren ist der 44-Jährige hauptberuflich Pressesprecher der Stadt. In seiner Freizeit schreibt er Krimis. "Hainberg" ist bereits sein zweiter Roman: "Es stand schon immer auf meiner To-Do-Liste, auf meiner Bucket-List sozusagen, mal einen Roman zu schreiben. Und irgendwann habe ich gemerkt: Wenn, dann muss es auch ein Krimi werden. Göttingen ist einfach eine tolle Stadt, die viel Potential für Krimis bietet. Ich finde, dieses pulsierende Leben und diese bunte Stadt bieten einfach sehr viele Möglichkeiten, hier mal den anderen oder anderen Mord geschehen zu lassen."

Dominik Kimyon kniet neben einer Landstraße  Foto: Irene zu Dohna
Auf dem Weg zum Hainberg - mitten im Göttinger Stadtwald - wird auf der Rückbank eines Autos die Leiche gefunden.

Wir fahren den Hainberg hinauf, hinein in den Göttinger Stadtwald. Auf rund 1.200 Hektar tummeln sich gern Wanderer, Fahrradfahrer und Läufer. Eine Gegend, die auch Dominik Kimyon gut kennt, oft geht er mit seinem Hund dort oben spazieren. Für den Autor stand seit Beginn des Schreibens fest: Marcel, das erste Todesopfer, muss auf diesem Weg, mitten im Wald, ums Leben kommen.

Marode Altstadt-Kneipe wird zur hippen Galerie

Marcel ist ein abgebrühter Charakter: Er betrügt seine Freundin, schreibt bei seiner Doktorarbeit ab, laviert sich geschickt durchs Leben. Bis er sich eines Abends mit jemandem trifft, um ein nettes Stündchen im Wald zu verbringen, erzählt Kimyon: "Frühlingsluft, alles ist am Blühen, die ersten milden Nächte des Jahres fangen an. Und dann muss er leider dran glauben - das ist dann sein Pech. Und sich so etwas auszudenken macht Spaß."

Dominik Kimyon seht vor der Fassade der alten Gaststätte "Zum schwarzen Bären"  Foto: Irene zu Dohna
Die ehemalige Altstadt-Kneipe "Zum Schwarzen Bären" steht heute leer und wird im Roman zur Galerie "Black Bear".

Als Pressesprecher der Stadt kennt Dominik Kimyon nahezu jeden Winkel Göttingens. In der historischen Altstadt findet sich der "Schwarze Bär", eines der ältesten Gebäude der Stadt. Im Fachwerkhaus aus der Renaissance-Zeit wanderten jahrhundertelang Bierhumpen über den Tresen, brutzelten Bratkartoffeln in der Pfanne. Nun steht das Gebäude leer und verfällt zusehends. In seinem Krimi verwandelt Kimyon das marode Gebäude in eine schicke Galerie. "Die ehemalige Lebensgefährtin meines Kriminal-Hauptkommissars ist Kanadierin. Und ich war selbst schon in Kanada und habe dort Schwarzbären getroffen - bin denen begegnet - in der Wildnis", erzählt Kimyon: "Und da lag es für mich nahe, das Gebäude 'Schwarzer Bär' zu verwenden und einfach in eine Galerie zu verwandeln. In eine schön restaurierte, lichtdurchflutete Galerie. Und deswegen auch der Name 'Black Bear'."

Finale oberhalb der Stadt

Infos zum Buch

Dominik Kimyon: Hainberg

Gmeiner Verlag
256 Seiten
Taschenbuch: 12,00 €
E-Book: 9,99 €

Wir machen uns auf den Weg zum letzten Romanschauplatz. Zu einem Kleingarten-Gebiet, etwas oberhalb der Stadt gelegen. Von hier kann der Blick weit über die kupierte Landschaft des Leinberglands schweifen. Hier endet der Göttingen-Krimi "Hainberg", das Rätsel um den Mörder wird gelöst. Autor Dominik Kimyon schwärmt: "Wir sind hier am nördlichen Stadtrand im Ortsteil Weende. Und als ich hier war, um mir den Schauplatz im Vorfeld einmal anzuschauen, hat mich die Weite beeindruckt, die sich hier bietet, die sich dem Auge öffnet. Das hat mich begeistert und das fand ich total schön."

Dominik Kimyon auf dem Göttinger Hainberg  Foto: Irene zu Dohna

AUDIO: Sommerserie "Romanschauplätze": "Hainberg" von Dominik Kimyon (5 Min)

Sommerserie "Romanschauplätze"
Im Lübecker Indizien-Prozess gegen den des vierfachen Frauenmordes angeklagten Astrologen Arwed Imiela (M) haben die Verteidiger Dr. Uwe Becher (l) und Karin Pohl-Laukamp am 21.03.1973 auf Freispruch plädiert. Eine Woche zuvor hatte die Staatsanwaltschaft nach mehr als siebenmonatiger Beweisaufnahme des Schwurgerichts viermal lebenslänglich für den Angeklagten gefordert. Am 24.05.1973 wurde Arwed Imiela zu viermal lebenslanger Haft verurteilt. Am 03.06. 1982 starb er in seiner Zelle an Herzversagen. © dpa - Bildarchiv Foto: Georg Spring

Der Frauenmörder von Fehmarn

Arwed Imiela ermordete in den 1960er-Jahren vier Frauen. Ein Besuch mit der Autorin von "Der Blaubart von Fehmarn", Nadine Witt, am Romanschauplatz und Ort des Geschehens. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 11.08.2020 | 16:20 Uhr

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