Stand: 29.04.2020 18:24 Uhr

Schriftstellerin Ulla Hahn wird 75

von Jan Ehlert

Am 30. April feiert die Autorin Ulla Hahn ihren 75. Geburtstag. Vermutlich wären unzählige Freunde und Weggefährtinnen zusammengelaufen, doch in diesem Jahr ist alles anders - große Feiern sind nicht möglich. Um so herzlicher gratulieren wir.

Ulla Hahn lacht auf einem Podium © imago images / Horst Galuschka Foto: Horst Galuschka
Ulla Hahn wurde 1945 im Sauerland geboren.

Die Literatur war für Ulla Hahn schon als Kind das Tor zur Freiheit. Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie in einem streng katholischen Milieu träumte sie sich als Mädchen bereits in die Geschichten der Schriftstellerinnen und Schriftsteller: "Diese Sehnsucht nach Veränderung, nach einer besseren Welt, die war als Kind in mir schon sehr lebendig. Seit ich lesen konnte habe ich wirklich in zwei Welten gelebt, auch in den Büchern, da hatte ich Freiheit, da hatte ich alles, was ich brauchte."

Kleine Leute ganz groß schreiben

Träume, aber auch ganz konkrete Visionen von einer besseren Welt. Hahn fand sie in den Büchern sowjetischer Schriftsteller, auch im kommunistischen Manifest. Die sogenannten kleinen Leute groß zu schreiben, das war ihr Wunsch. 1971 trat sie dafür in die Deutsche Kommunistische Partei ein: "Ich habe damals nichts Übles getan, ich habe für einen Sandkasten gekämpft und gegen Mietwucher, ich habe nichts getan, was ich nicht in allen anderen Parteien hätte tun können, nur mit diesem ideologischen Überbau."

Abrechnung mit der DKP

Mit dem ideologischen Überbau konnte Hahn am Ende wenig anfangen. Wer Veränderungen wolle, der dürfe nicht nur den Verstand benutzen, sondern auch das Herz, hielt sie ihren Parteigenossen entgegen. "Herz über Kopf", so hieß auch ihr erster Lyrikband, der 1981 erschien. Darin enthalten ist auch Ulla Hahns Abrechnung mit der DKP - in Gedichtform: "Ihr Kampfgenossen all, ihr könnt mich mal." 

Suche in der Vergangenheit

Doch die Frage, wie sie sich von der kommunistischen Idee verführen lassen konnte, ließ Ulla Hahn nicht los. "Überall suche ich die Zeile, die mir sagt, wo ich mich find", heißt es in dem Band in dem Gedicht "Meine Wörter". Also begann sie, sich schreibend zurückzubegeben, ging auf Ursachenforschung in ihrer Vergangenheit: "Weil ich glaube, dass man von einem Menschen nichts versteht, wenn man seine Vergangenheit nicht kennt. Wenn ich damals gewusst hätte, dass sich diese Frage nur über einen solchen Zeitraum beantworten lässt, hätte ich sie wahrscheinlich verdrängt. Und das wäre sehr schade gewesen, in allererster Linie für mich."

NDR Kultur Literatur
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"Urknallkantate" am Entstehen

Aber auch für ihre Leserinnen und Leser. Denn auf der Suche nach der vergangenen Zeit entstanden vier Romane über ihr literarisches Alter Ego, Hilla Palm: zunächst 2001 "Das verborgene Wort", "Aufbruch", "Spiel der Zeit" und zuletzt, 2017 "Wir werden erwartet". "Der Zyklus ist abgeschlossen", sagt Hahn. Aber nicht das Schreiben. Derzeit sitzt sie an einer "Urknallkantate" - ein Werk, das im Auftrag von Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano und dem Philharmonsichen Staatsorchester entsteht. Im April 2021 soll es uraufgeführt werden.

Traum von einer besseren Welt noch nicht ausgeträumt

Es ist eine, wie Hahn sagt, poetisch-musikalische Botschaft des Trostes, der Hoffnung und der Zuversicht im Zeichen der Corona-Krise, die auch eine Chance sein könnte. Denn wenn es uns jetzt gelinge, als Einzelner für die Menschheit zu denken und zu handeln, dann, so Hahn könne die Krise uns vorwärts stoßen auf dem Weg der Entwicklung zu einem wahrhaft humanen Menschen. Auch mit 75 Jahren ist der Traum von einer besseren Welt für Ulla Hahn noch lange nicht ausgeträumt: "Das müssen wir auch beibehalten, unbedingt. Die Träume beibehalten, aber bitte in der Wirklichkeit im kleinen Bereich dafür sorgen, dass wir die Welt nicht schlechter verlassen, als wir sie vorgefunden haben. Jawohl."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 30.04.2020 | 07:20 Uhr

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