Stand: 14.12.2018 16:51 Uhr

Schriftsteller Wilhelm Genazino ist tot

von Alexander Solloch
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Wilhelm Genazino wurde 2004 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Wilhelm Genazino ist tot. Wie der Hanser Verlag berichtete, ist der Schriftsteller am 12. Dezember 2018 nach kurzer Krankheit gestorben. Genazino war einer der eigentümlichsten Spaziergänger der deutschen Literatur: einer, der ohne große Erwartungen durch die Straßen trottete, der dabei auch eigentlich gar nichts Großes erlebte - und doch auf diese Weise einen großartigen Roman nach dem anderen zuwegebrachte. "Ein Regenschirm für diesen Tag", "Die Liebesblödigkeit" und "Das Glück in glücksfernen Zeiten" heißen seine bekanntesten Bücher - kleine Kunstwerke, die schon in ihren Titeln andeuten: Hier dreht sich alles um die Seelennot von Menschen, denen es äußerlich noch ganz passabel gehen mag.

Die Belebung der toten Winkel

Jedem sollte man das Glück des Scheiterns gönnen, sagte Wilhelm Genazino. Weil er seine Figuren liebte, war er da sehr freigiebig: Er erzählte von Menschen - meist Männern zwischen 45 und 60 -, die Abhilfe benötigen und Besänftigung, die sich insgesamt überfordert fühlen und der allgemeinen Lebensumstände überdrüssig, die sich, um gleich mal einige der unvergesslichen Genazinismen zu zitieren, dem "Zwangsabonnement der Wirklichkeit" ausgesetzt sehen und von einem "gewaltigen Seltsamkeitsgefühl" geplagt werden. "Die haben an sich kein wirkliches Problem, sondern nur ein Randproblem, nämlich die Empfindung, dass sie nicht vollständig sind", so Genazino. "Zwischendurch sacken sie ein bisschen ab in ihrer Empfindung, und dann entstehen diese toten Phasen, wo dann das Leben still zu stehen scheint."

Wogegen dann nur noch ein Mittel hilft, das Genazino zur literarischen Patentreife brachte: die Belebung der toten Winkel. Das Scheitern war bei Genazino nie die Hauptsache, es fiel immer ein Nebengewinn dabei ab, ein kleines Glück. Seine Figuren ließ er mit der Bereitschaft, auch im winzigen Detail das Unglaubliche zu sehen, durch die Straßen der Großstadt streifen, auf die Plätze, in die Supermärkte, in die Kaufhäuser. Genazino zeigte, dass hier mit Hilfe des gedehnten Blicks Glücksverkettungen entstehen: die Liebe, mit der die Bäckersfrau ein Stück Torte auf den Teller legt; der strenge Plan, mit dem die Ameisen auf der Parkbank herumwuseln; die Magie, mit der aus dem "Vollkornbrot" im Auge des Betrachters das "Volkszornbrot" wird - das sind ja alles Vorgänge, die nur sichtbar werden durch das ziellose "Herumzotteln", wie Genazino es nannte und selbst seit seiner Kindheit betrieb: "Ich war ein großer Rumtreiber. Ich lief einfach in die Stadt und habe Bilder angeschaut und Verkehrsunfälle beobachtet und so, nichtige Dinge, die aber meinen Bilderhunger und meine Fantasiebedürftigkeit abgestillt haben, und darauf kam es mir eigentlich an. Und wenn man überhaupt nicht auf den Gedanken kommt, dass man der Erfinder seiner eigenen inneren Welten ist, dann endet man wirklich vorm Fernsehapparat."

Später Erfolg

Erst spät kam der Erfolg zu Wilhelm Genazino, er war schon fast 60, als seine Bücher mehr wurden als bloß Geheimtipps. In mehrere Dutzend Sprachen wurden seine Romane zuletzt übertragen, er bewahrte alle Übersetzungen in seinem Wohnzimmer auf und wunderte sich immer wieder über die Schönheit der japanischen Schriftzeichen auf seinen Büchern. Nie nämlich hörte er auf, sich zu wundern.

Genazinos später Erfolg weckte natürlich auch Argwohn: Ein Mann, verbittert über die prinzipielle Unannehmbarkeit des Lebens, streift durch die Stadt (meist durch Genazinos Wahlheimat Frankfurt am Main) und stellt fest, dass das Leben alles in allem doch angenommen werden kann - ist es nicht eigentlich immer dieselbe Geschichte, die Genazino erzählt?, fragten Kritiker. Mag sein, konnte man da nur antworten, aber diese Geschichte ist (und bleibt) doch wohl niemals auserzählt. Kaum zu fassen, dass sie jetzt an ein Ende gekommen sein soll.

Genazinos "Schule der Besänftigung"

"Wenn wir Tiere wären" heißt einer der jüngeren Romane Wilhelm Genazinos. Was wäre dann? Wir müssten nicht denken, wir müssten nicht dem Glück nachjagen, wir wüssten den Wert der Pause zu schätzen. "Ein Tier steht eben irgendwo rum und setzt sich irgendwo dann hin, auch wenn es gerade der falsche Platz ist", sagte Genazino. "Tiere merken gar nicht, dass sie unerwünscht sind - auch eine großartige Fähigkeit! Diese Art der Unbeeindruckbarkeit durch die ganze Rationalität des menschlichen Lebens ist eben das, was mich sehr beeindruckt."

"Die Schule der Besänftigung" mit den Fächern "Existenzkunst", "Enttäuschungspraxis", "Sehnsuchtsabbau", "Fremdheitsüberlistung" und "Hoffnungsclownerie" ist leider nur eine Erfindung des Philosophen und Wäschereibesitzers Gerhard Warlich im Roman "Das Glück in glücksfernen Zeiten". Sie ist nur eine Erfindung und steht doch ganz real in 20 Bänden vor uns: eine "Schule der Besänftigung" - das ist das Gesamtwerk Wilhelm Genazinos. Es wird uns helfen, die eigentlich unannehmbare Nachricht von seinem Tod doch irgendwann anzunehmen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 14.12.2018 | 16:20 Uhr

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