Stand: 16.04.2018 18:04 Uhr

In einer modernen, blitzsauberen Welt

Die Ladenhüterin
von Sayaka Murata, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Die japanische Autorin Sayaka Murata wurde in ihrer Heimat bereits mit dem renommiertesten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet. Nun wurde ihr Roman "Die Ladenhüterin" ins Deutsche übersetzt - von Ursula Gräfe, die auch die Werke des bei uns schon sehr bekannten Haruki Murakami ins Deutsche bringt. Zu entdecken ist hier ein schmaler Roman, der mit Witz und Verstand das Bild einer modernen, kalten, blitzsauberen Welt zeichnet. Absurd und realistisch zugleich - findet Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg.

Absurde Konventionen

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Sayaka Murata hat mit "Die Ladenhüterin" einen unwiderstehlich komischen Roman geschrieben.

Die Hauptperson in Sayaka Muratas Roman "Die Ladenhüterin" ist Keiko Furukara - eine Frau, die es schwer hat im Leben. Als sie ein Kind war, waren alle schockiert, weil sie offenbar völlig ungerührt den Tod eines niedlichen kleinen Vogels zur Kenntnis nahm, der die anderen traurig berührte.

"Die anderen Kinder standen um das Grab herum und jammerten, wie leid ihnen der kleine Vogel tue. Anschließend rissen sie überall Blumen aus, die dann auch tot waren. 'So schöne Blumen. Bestimmt freut sich der kleine Vogel', sagten sie, und ich fragte mich, ob sie vielleicht den Verstand verloren hatten." Leseprobe

Das Raffinement dieses Textes klingt hier gleich an. Wir alle haben gelernt, uns den Konventionen entsprechend zu verhalten. Aber von außen betrachtet ist es nicht nur seltsam, sich anders zu verhalten als eingeübt. Von außen betrachtet wirken eben auch unsere Konventionen mitunter absurd.

Strenges Verhaltenstraining

Keiko Furukara nimmt uns mit in ihre eigene klirrende Welt, in der das Piepen und Surren und alle Geräusche in einem Supermarkt vertraut und beruhigend sind. So ist ihre Familie erleichtert, als sie während ihres Studiums einen Job in einem sogenannten Convenience Store annimmt und dann dort bleibt. Sie fühlt sich wohl. Wunderbar für die sozial gestörte Keiko ist, dass hier schlicht das gewünschte Verhalten der Mitarbeiter streng trainiert wird, man muss es nur korrekt kopieren:

"In einem Hinterzimmer zeigte man uns ein Video, und es gelang mir problemlos, die dargestellten Verhaltensweisen zu imitieren. Zum ersten Mal wurde mir ein 'normaler Gesichtsausdruck' und eine 'normale Art' zu sprechen beigebracht." Leseprobe

Keiko ruft also "Guten Morgen" und "Herzlich willkommen", wie es im Video gezeigt wird. Später will sie nach demselben Muster abgeguckter Verhaltensweisen eine Beziehung mit einem Mann eingehen, wie es ihre Familie von ihr erwartet - und das wird natürlich gründlich schiefgehen.

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Viel einfacher als der Umgang mit der Familie

Murata hat einen unwiderstehlich komischen Roman geschrieben für all die Tage im Leben, an denen einem die Entscheidung, welchen Joghurt man wählen soll, schon als unüberwindliche Hürde der Entscheidungsfindung erscheint. Normal begabte Bürger verbringen heute Stunden damit, die elektronische Steuerung eines Geräts zum Laufen zu bringen, das man vor nicht allzu langer Zeit einfach nur mit Hilfe eines handelsüblichen Kabels und einem Stecker mit einer Steckdose verbinden und einschalten musste.

Keiko verweigert sich nicht aus Plan. Es ist ihr einfach lieber, in diesem Supermarkt an der Kasse von unsichtbaren Mächten, den Vorgesetzten, gesagt zu bekommen, wie sie gucken, was sie tippen und was im Regal neu einräumen soll. Und dafür Geld zu bekommen. Viel einfacher als der Umgang mit der Familie. Bei der Arbeit im Supermarkt "Kombini" ist es leichter. Alles ist definiert und festgelegt. Es gibt nur eine Gefahr, die durch ihren Lebensgefährten und dessen schlechten Einfluss hereinbricht. Keiko wird wissen, was zu tun ist, und den Lebensgefährten in seine Schranken weisen. Sie wirkt seltsam. Aber ich glaube, ein bisschen Keiko haben wir möglicherweise alle in uns. Nur sorgfältig versteckt.

Die Ladenhüterin

von
Seitenzahl:
145 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau Verlag
Bestellnummer:
978-3-351-03703-1
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.04.2018 | 12:40 Uhr

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