Stand: 12.06.2017 16:01 Uhr

Sachbücher des Monats Juni 2017

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichte NDR Kultur bisher regelmäßig die "Sachbücher des Monats". Nun hat NDR Kultur die Zusammenarbeit mit der Jury bis auf Weiteres ausgesetzt. Mit der Empfehlung von "Finis Germania" von Rolf Peter Sieferle in der Juni-Liste hat die Jury eine gravierende Fehlentscheidung getroffen, die für NDR Kultur nicht tragbar ist. Nach Einschätzung von NDR Kultur und anderen Kritikern äußert der Autor in seinem Buch rechtslastige Verschwörungstheorien, von denen sich die Redaktion entschieden distanziert. Auch die Jury distanziert sich von Buch und Verlag und bedauert dessen Nominierung. Hier finden Sie die anderen Empfehlungen der Jury für den Monat Juni.

von Andreas Wang

"Beschenken, Verspotten, Vernichten" - das sind, laut Friedrich Nietzsche, die Insignien des Machtgierigen, des bösen Politikers; seine extreme Empfindlichkeit gegenüber Andersdenkenden und Kritikern verrät jedoch im Grunde nichts als Schwäche, dies wusste Napoleon. Wir, die wir mit entsetztem Blick auf den schon als Politik-Rowdy titulierten und sehr verstörenden Donald Trump blicken, schließen uns dieser Beobachtung an, weshalb wir Georg Seeßlens Büchlein über Trump auf den ersten Platz unserer Liste befördern. Denn dem Populismus, den wohl auch Trump vertritt, geht es eher um Bilder, Mythen, Emotionen, Identifikationen, und weniger um Entscheidungen und Gesetzestreue - und das eben macht Seeßlens tiefer Griff in die Figurinen der Popkultur deutlich. Kritisch darf man seine Beobachtungen natürlich sehen, wohl auch etwas mehr Differenzierung verlangen, aber die Beschreibung des amerikanischen Dilemmas, das ja weiter geht als bloß ins Weiße Haus, ist doch auch erhellend.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Eine Streitschrift über den "neuen Bürgerkrieg"

Populismus und Nationalismus hängen, das weiß man inzwischen hinlänglich, eng zusammen. In Anspielung auf das bekannte Schlagwort Karl Poppers von der "offenen Gesellschaft und ihren Feinden", einer Analyse des totalitären Bösen, hat die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot ihre Streitschrift über den "neuen Bürgerkrieg" mit dem Untertitel "Das offene Europa und seine Feinde" versehen. Unsere Jury hat wohl gesehen, dass sie die Probleme Europas, natürlich nicht von ungefähr, in der Auflösung des Rechts-Links-Schemas entdeckt, in der gefährlichen Konfrontation von Volk und Elite, der Gegenüberstellung von Nation und Europa und natürlich im um sich greifenden Rechtspopulismus. Ihre scharfe Analyse zielt unmittelbar auf ein Kräftemessen der Zivilgesellschaft mit dem Populismus. Ihre Forderung: "Wir müssen uns von den Nationalstaaten verabschieden und einen europäischen Souverän als politischen Körper neu begründen" wird nicht jeder teilen, ihn aber ernsthaft erwägen, das ist unumgänglich. Dass dies ein schwieriges und eben auch umstrittenes Unterfangen ist, zudem mit Angst und Unruhe verbunden, weiß auch Guérot, und doch sollte, schreibt sie, "der Abgrund des systemischen Rechtspopulismus in Europa … Ansporn genug sein, sich auf den Weg zu machen". Die Zeit drängt.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

"Atlas der Umweltmigration"

Sie drängt nicht nur auf der politischen Bühne Europas. Sie drängt weltweit. Der "Atlas der Umweltmigration" führt es uns unmissverständlich und anschaulich vor Augen: Durchschnittlich 26,4 Millionen Menschen wurden jährlich seit 2008 - so die Angaben des norwegischen Flüchtlingsrats und des International Displacement Monitoring Center - in der Folge von Umwelt- und Klimaveränderungen aus ihrer Heimat vertrieben. Unfassbare Zahlen, die aber doch alle belegbar sind und gleichwohl zu nach wie vor kontroversen Positionen führen: Alarmisten auf der einen Seite, die in der Migration ein unvermeidbares Nebenprodukt des Klimawandels und eine sich anbahnende humanitäre Katastrophe erkennen, wollen die Politiker auf die Bedrohungen aufmerksam machen, Skeptiker auf der anderen erklären, Migration sei immer multikausal und warnen vor Panikmache. Der Atlas nun zeigt ein riesiges Spektrum: die Erweiterung von der Migration zur Umweltmigration, die Aufschlüsselung der Faktoren wie geophysikalische Katastrophen, Zerstörung der Ökosysteme, Anstieg der Meeresspiegel und die Gefährdung der Küstenregionen, die mit der Umweltmigration verbundenen Herausforderungen wie die Steuerung der Massenflucht, die Schaffung von Bewältigungsstrategien, Steuerungsmaßnahmen und politischen Lösungen. Im Grunde eine ungeheure Aufgabe - die aber doch womöglich durch ein globales Katastrophenmanagement gelöst werden könnte.

Eine deutsche Frage - sehr deutsch gelöst

Ob unser Innenminister Thomas de Maizière das Buch von Dieter Borchmeyer gelesen hat, der auf über 1.000 Seiten den Versuch macht, die Frage zu klären "Was ist deutsch?"? Verstanden hat er aber wohl nur, dass diese Frage gar nicht zu beantworten ist, denn sonst hätte er nicht - freilich nur auf einer Seite - noch einmal eine deutsche Leitkultur proklamiert. Borchmeyer geht weitschweifig, aber differenziert viele Facetten des deutschen Universalismus durch, untermauert sie mit Zitaten und Hinweisen auf unendlich viele literarische und publizistische Schriften, man lernt viel und manches Neue. Insgesamt: eine deutsche Frage - sehr deutsch gelöst. In aller Offenheit: unerlöst.


12.06.2017 18:20 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrages waren in der Bildunterschrift zu Platz neun "Finis Germania" von Rolf Peter Sieferle die von der Jury vergebene Punktzahl sowie Preis und Seitenzahl des Buches aufgeführt. Diesen Passus hat die Redaktion gestrichen und die Distanzierung von NDR Kultur und der Jury an dieser Stelle deutlich gemacht.

 

Weitere Informationen

NDR Kultur setzt Zusammenarbeit aus

In den "Sachbüchern des Monats" ist mit "Finis Germania" ein Titel empfohlen worden, der für NDR Kultur nicht tragbar ist. Die Redaktion setzt daher die Zusammenarbeit mit der Jury aus. mehr

Übersicht

Die Sachbücher des Monats

NDR Kultur

Einmal im Monat hat NDR Kultur bisher die "Sachbücher des Montas", gekürt von einer unabhängigen Jury, veröffentlicht. Die Zusammenarbeit ruht zurzeit. Hier finden Sie die vergangenen Platzierungen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 02.06.2017 | 17:40 Uhr

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