Sendedatum: 17.09.2018 12:40 Uhr

Schlaglicht auf die Frauen im Jahr 1919

1919 Das Jahr der Frauen
von Unda Hörner
Vorgestellt von Martina Kothe

Wenn wir über Geschichte nachdenken, dann erscheint rückblickend vieles schlüssig. Große Ereignisse zeichnen sich ab, obwohl die Agierenden noch nichts ahnen - oder nur eine vage Vorstellung davon haben. 1919 konnten die Frauen in Deutschland das erste Mal wählen gehen. Eine unglaubliche Veränderung. Dieses Ereignis hat die Autorin Unda Hörner zum Anlass genommen, genauer auf die Frauen in besagtem Jahr zu schauen. Herausgekommen ist dabei das Buch: "1919 Das Jahr der Frauen."

Coco Chanel hat die zündende Idee, ein Parfum zu entwickeln, Käthe Kollwitz wird in die Akademie der Künste gewählt und trauert um ihren im ersten Weltkrieg gefallenen Sohn, Hanna Höch kann den Mann, den sie liebt, nicht alleine haben und wirft sich voller Elan und mit Schere und Leim bewaffnet in die neue Bewegung, die sich Dada nennt, Alma Mahler-Gropius will nicht mit ihrem Mann nach Weimar und erwägt die Scheidung, und die Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann ziehen aufs Land. Und alle hier genannten Frauen, und viele mehr, gehen am 19. Januar 1919 zur Wahl. Käthe Kollwitz schreibt an jenem Tag:

"Zum ersten Mal gewählt.(…) Hatte mich so sehr gefreut auf diesen Tag und nun er dran ist, von neuem Unentschlossenheit und halbes Gefühl." Leseprobe

Coco Chanel beseelt eine neue Idee

Coco Chanel indes ist das Jahr hindurch beseelt von ihrer neuen Idee: Ein Parfum muss her. Aber auch sie, so schreibt es Unda Hörner, wie auch Alma Mahler-Gropius, schiebt eine Entscheidung in der Liebe hinaus.

Leser und Leserinnen von Florian Illies' Buch "1913" erinnern sich sicherlich an Alma Mahler, die Muse von Oskar Kokoschka, spätere Alma Mahler-Werfel. Schillernd tritt sie auch in diesem Buch auf, das, nebenbei bemerkt, ganz erstaunliche formale Ähnlichkeiten zum Bestseller von Florian Illies offenbart.

Für jeden Monat ein Kapitel

Auch Unda Hörner nimmt den Leser mit auf eine Reise durch das Jahr. Jeder Monat ein Kapitel. Die Kapitelüberschriften sind formal genauso wie im Buch "1913", auch den handelnden Personen begegnet man mal in diesem, mal in jenem Monat. Doch geht es hier vor allem um die Frauen im Jahr 1919.

Für Alma Mahler-Gropius war es durchaus kein leichtes Jahr, wie auch für die Künstlerin Hanna Höch oder Käthe Kollwitz, oder Coco Chanel, die über 1919 schrieb:

"1919, das Jahr in dem ich berühmt wurde und alles verlor." Leseprobe

Trauer um den Geliebten

Warum die Modedesignerin dieses Jahr als das ihres Durchbruchs angibt, bleibt auch nach der Lektüre des Buches unklar. Sie arbeitet, liest man, fleißig an neuen Entwürfen und bringt die Entwicklung eines eigenen Parfums in Gang, das allerdings erst Anfang der 1920er-Jahre auf den Markt kam. Die Trauer in ihren Zeilen bezieht sich auf den Tod ihres Geliebten Arthur Capel. Über ihn schreibt sie:

"Er war die große Chance meines Lebens. In ihm hatte ich jemanden getroffen, der mich nicht entmutigte." Leseprobe

Schwarz wird Lieblingsfarbe

Nach Arthur Capels Tod wird Schwarz die Lieblingsfarbe der Designerin - folgerichtig entwirft sie in den kommenden Jahren "Das Kleine Schwarze" und wird damit und mit ihrem Parfum berühmt. Sicherlich haben die Ereignisse des Jahres 1919 zu diesem Ruhm geführt, allerdings, und damit sind wir bei einem Problem nicht nur des Buches von Unda Hörner, sondern bei der Betrachtung von Geschichte ganz allgemein: Das im Titel versprochene Schlaglicht auf ein Jahr - ein wichtiges, sicherlich, aber eben nur ein Jahr in der Vergangenheit - kann im Buch nicht eingehalten werden. Denn stets muss man erzählen, was vorher und danach im Leben der ProtagonistInnen geschah.

Spannende Frauen sind sie alle. Von den offen lesbisch lebenden Frauenrechtlerinnen, über die erste Lehrerin an der gerade gegründeten Waldorfschule bis zu den vorgestellten Künstlerinnen.

Leider kein roter Faden

Wenn da nicht ein "Aber" wäre. Oder besser gesagt: Das Buch ist in seinem Anliegen, die Frauen in einem für die Gleichstellung so entscheidenden Jahres herauszustellen, sicherlich ein ehrenwertes Projekt, gleichzeitig vermisst man einen roten Faden, der über die Aneinanderreihung der Monate hinausgeht. So drängt sich der Verdacht auf, hier könnten einfach unterschiedlichste Tagebuch-und Briefeschreiberinnen gesichtet und gesammelt- und ihre Zeugnisse über ein Jahr hinweg in Form gegossen worden sein.

Um sich nach der Lektüre mit der ein- oder anderen Persönlichkeit einmal näher zu befassen, ist "1919 Das Jahr der Frauen" allerdings ein anregendes Buch.

1919 Das Jahr der Frauen

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Ebersbach & Simon
Bestellnummer:
978-3-86915-169-4
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.09.2018 | 12:40 Uhr