Stand: 15.04.2019 16:15 Uhr

Einblick in eine grölende Parallelgesellschaft

Das Netzwerk der Neuen Rechten
von Paul Middelhoff, Christian Fuchs
Vorgestellt von Claudia Kuhland
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Das Sachbuch zeigt Verbindungen und Strategien der Neuen Rechten auf.

Sie planen den patriotischen Umsturz, die Kulturrevolution von rechts. Sie haben Erfolg, beeinflussen unsere Gesellschaft und die Politik. Ihre Stärke: Sie sind gut vernetzt, dynamisch und sehr aktiv, vor allem im Internet. Dabei sind die wichtigsten Köpfe der Neuen Rechten keine 150 Leute - aber sie machen Krach, als wären sie Millionen. Die Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff recherchieren seit Jahren in der rechten Szene. In ihrem Buch "Das Netzwerk der Neuen Rechten" decken sie die Verbindungen und Strategien auf.

Eine Demonstratinon von Neurechten in Chemnitz 2018.

Sachbuch: "Das Netzwerk der Neuen Rechten"

Bücherjournal -

Christian Fuchs und Paul Middelhoff haben ein Buch über die Neuen Rechten geschrieben. Es entlarvt das Milieu als das, was es ist: gefährlich, engmaschig, dynamisch.

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Christian Fuchs recherchiert im Osten und Westen

Christian Fuchs hat im Osten und im Westen Deutschlands recherchiert, seit Jahren hat er rechten Meinungsmachern nachgespürt - Vordenkern, Aktivisten, den Promotern einer rechten Gegenkultur. Sie sind umtriebig, eng vernetzt und bundesweit aktiv. "Die Finanziers zum Beispiel und die Verlage sind vor allen Dingen in den alten Bundesländern.Die aktivistischen Formen wie die Identitären oder die völkisch Nationalen in der AfD, die sind eher in den neuen Bundesländern", sagt er.

Karte zeigt Verbindungen der Neuen Rechten

"Das Netzwerk der Neuen Rechten" wird online durch eine Karte ergänzt, erstaunliche Verbindungen zwischen Verlegern, Publizisten, Geldgebern oder Burschenschaften tun sich auf, auch zu Aktivisten, die Nachwuchs ausbilden, Demos organisieren oder die AfD beraten. "Das Grundkonzept der Neuen Rechten ist die Eroberung der kulturellen Hegemonie", sagt Fuchs. "Es bedeutet, die Köpfe der Menschen erstmal zu erobern durch Kultur, durch Gedanken, durch Theorien. Und das schaffen sie durch Veranstaltungen. Das schaffen sie durch Bücher, durch Magazine, durch Künstler."

Islam-Hass als Minimalkonsens

Ein weiteres Mittel sind gut organisierte Demos. Der bisher größte Erfolg des rechten Netzwerks ist wohl der sogenannte "Trauermarsch" in Chemnitz im Sommer 2018. Rechtsradikale traut vereint mit Spitzen der AfD und fast allen bekannten Propagandisten der Neuen Rechten. "Was das Netzwerk stark macht, ist, dass sie es zum allerersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkrieges geschafft haben, die Rechte zu verbinden, also von extrem rechten Gewalttätern aus der Kameradschafts-Szene bis zu ehemaligen CDU-Anhängern", sagt Fuchs. "Alle haben sie durch einen Minimalkonsens zusammengeführt - Islam-Hass."

Paradebeispiel Pegida-Bewegung

Ein Paradebeispiel ist auch die Pegida-Bewegung. Zu Beginn eine Zulaufbewegung, setzen sich schnell Vordenker der Neuen Rechten an die Spitze, die seit Jahrzehnten auf ihre Chance warten - wie der Publizist Götz Kubitschek. Oder die Identitären: jung, dynamisch, mit Guerilla-Methoden, die sie bei den Linken abgeschaut haben. Man macht sich breit, vor allem im Internet. "Die Aktionen sind oft nicht sehr erfolgreich - aber die Inszenierung, die mediale Wahrnehmung, dadurch, dass sie Gesprächsstoff sind, 'talk of the town' - damit haben sie ihren Erfolg", sagt Fuchs. "Ihre große Wirkmacht sind gar nicht die konkreten Aktionen, sondern die Wahrnehmung in der Mehrheitsgesellschaft."

Schnellroda als eines ihrer Epizentren

Die Szene ist laut, aber keine 150 Leute gelten als führende Köpfe. Nicht zufällig ist eines ihrer Epizentren das ostdeutsche 200-Seelen-Dorf Schnellroda. Dort betreibt seit einigen Jahren der Westdeutsche Götz Kubitschek mit seiner Frau eine Zeitschrift, eine Denkfabrik und einen Verlag. Im Umkreis haben sich andere Rechte angesiedelt. "Zweimal im Jahr kommt der Nachwuchs der Neuen Rechten. Und die werden im Gasthof ausgebildet, in Akademien, und ziehen dann in die Parlamente ein oder werden Aktivisten der Szene. Das passt natürlich auch zu dem Narrativ, das die Neue Rechte aufgemacht hat: Das echte, wahre Deutschland ist dort, wo die Menschen sich noch in der Kneipe prügeln, wo es ein Kriegerdenkmal gibt", sagt Fuchs. "Und eben nicht in der verkommenen, dekadenten, liberalen Großstadt, die sie ablehnen."

Journalisten sollen mundtot gemacht werden

Das Buch zeigt auch, dass die Rechten auf kritische Journalisten allergisch reagieren. Es kursieren Papiere mit Abwehr-Strategien. Sie empfehlen Shitstorms im Internet, regelmäßige Klagen gegen Medien, sogar persönliche Angriffe. "Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Rechtsextremismus in Deutschland", sagt Fuchs. "Aber die Angriffe, die ich als Journalist persönlich erhalte, waren noch nie so groß wie in den letzten zwei, drei Jahren, in denen ich mich intensiv mit der neuen Rechten beschäftigt habe. Dass versucht wird, mich als Person zu diskreditieren, diese Einschüchterungsversuche, das sind psychologische Mechanismen, um kritische Journalisten mundtot zu machen."

Das Buch entlarvt das Netzwerk der Neuen Rechten als das, was es ist: gefährlich, engmaschig, dynamisch. Eine kleine, grölende Parallelgesellschaft.

Das Netzwerk der Neuen Rechten

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-499-63451-2
Preis:
16,99 €

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