Steffen Kopetzky: "Propaganda" (Buchcover) © Rowohlt Verlag

"Propaganda": Steffen Kopetzkys Anti-Kriegs-Roman

Stand: 25.07.2019 08:41 Uhr

In "Propaganda" zeichnet Steffen Kopetzky einen Bogen von einer fast vergessenen Schlacht des Zweiten Weltkriegs zu den Napalm-Feldern des Vietnamkrieges.

von Peter Helling

Wie schreibt man über den Krieg? Wie erzählt man vom millionenfachen Morden? Indem man den Einzelnen und sein persönliches Leid zeigt. So wie es Erich Maria Remarque es in "Im Westen nichts Neues" getan hat. Oder indem man den Krieg ins Epochale, Kosmische aufpumpt: So zu lesen in der Ilias oder in Leo Tolstois "Krieg und Frieden". Steffen Kopetzky wählt einen dritten Weg: Er erzählt den Krieg als Märchen - als dunkles Abenteuermärchen vom bösen Wolf im finsteren Forst.

Der Wald war vollkommen zerschossen, in eine Milliarde tödlicher Splitter zerborsten, die Stümpfe ragten kohlschwarz und verbrannt in die Nacht, wie von gigantischen Insekten abgefressen. Leseprobe

John Glueck, Sergeant der psychologischen Kriegsführung

Kopetzkys Held und Ich-Erzähler ist der deutschstämmige John Glueck aus New York, Sergeant der psychologischen Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg, salopp "Propaganda" der US-Army mit Sitz in London. 1944 schreibt Glueck für ein millionenfach gedrucktes Anti-Nazi-Blatt, das über Deutschland abgeworfen wird. Sein Job ist es, den berühmtesten amerikanischen Autor, Ernest Hemingway, in Frankreich zu treffen. Dort führt dieser mit ein paar Freischärlern seinen persönlichen Krieg.

Alles an diesem Mann war monströs. Sein Ruhm, sein Umfeld, seine Beziehungen bis in die höchsten Kreise, seine Entourage, sein Durst, seine Waffensammlung im Badezimmer. Leseprobe

Der Schriftsteller Steffen Kopetzky beim Bayerischen Rundfunk in München am 17.6.2011 © NDR Foto: Ulrike Sárkány
Steffen Kopetzkys Roman "Risiko" stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015.

Hemingway, davon ist Glueck überzeugt, ist das ideale Propaganda-Mittel, um die Deutschen von der Nazi-Propaganda zu entgiften: hemdsärmelig, bärenstark, ein Säufer, eine Ikone. Glueck will ihn überreden, mit ihm in den Hürtgenwald bei Aachen zu ziehen: dorthin, wo sich eine entscheidende Schlacht zwischen der deutschen Wehrmacht und den Amerikanern ankündigt. Doch er bittet vergebens.

Das also war, wonach er bis zuletzt gesucht hatte. Der ganz große tödliche Fisch, die tiefe See. Und jetzt hatte er plötzlich Angst, dort hineinzugehen. Leseprobe

Gang in den Wald als Fahrt ins Grauen

Glueck geht alleine, will dort das Monster aufspüren, den Krieg. Kopetzky macht aus dieser Abenteuerfahrt eine in dunkle Farben getauchte Fahrt ins Grauen - oder eher in die Geisterbahn.

Der Geruch nach faulem Fleisch und verkokeltem Holz, verbrannter Erde, explodiertem Sprengstoff und verschossenem Pulver wehte uns schon längere Zeit entgegen. Leseprobe

Der Autor bedient sich ein wenig bei Karl May, denn ein waschechter Irokese bahnt Glueck den Weg durch den dunklen Forst. Der Wald ist das schwarze Herz des Romans. Hier gibt es nicht nur todmüde Amerikaner, sondern auch skalpierte Deutsche und einen heldenhaften deutschen Arzt. Überhaupt schneiden die Deutschen hier sehr gut ab, selbst brutale Nazis erinnern an edle Raubtiere. 

Seine stahlblauen Wolfsaugen sahen mich an, kalt wie skandinavische Seen. Schweres Wasser, wie ein Bildmotiv großer, stammeshafter Ablehnung. Blautöpfe des Nein. Leseprobe

Schonungslose Schilderung berührt nicht

Kopetzky erzählt das action- und wortreich. Da quellen Gedärme, da platzen Augen, da krallen sich abgerissene Arme in den Matsch. Aber dieser an Quentin Tarantino erinnernde Handlungsort berührt nicht. Die eigentliche Erzählebene des Romans spielt 1971 - in einem Gefängnis in Missouri. Beide Zeiten wechseln sich ab.

Heute versuche ich zu erzählen, wie aus dem hoffnungsfrohen und leidenschaftlichen Amerikaner von gerade mal zwanzig Jahren ein Träger der farbenfrohen Gefängniskleidung von Missouri werden konnte oder vielleicht auch unausweichlich werden musste. Leseprobe

Vietnamveteran Glueck kämpft mit Worten gegen den Krieg

1971 ist Glueck ein Vietnamveteran, dem Landesverrat vorgeworfen wird. Seine Haut schält sich nach einem Unfall mit Kampfmitteln und er hat ein einziges Ziel: Er will gegen den Krieg, das "Monster", dem er im Hürtgenwald begegnet ist, anschreiben.

Jetzt regiert die Lüge. Die Politik ist am Ende. Die Generäle entscheiden über die Kriegsziele. Unsere Propaganda interpretiert nicht mehr unsere Wirklichkeit in einem bestimmten Licht. Sie schafft sie. Leseprobe

Allerdings haben diese beiden Gluecks, der von 1944 und der von 1971, nichts miteinander gemeinsam: Die Hauptfigur bleibt Schablone, die Fülle an historischen Fakten oder Halb-Fakten erstickt den Lesefluss. Und leider ertappt man sich dabei zu denken: Steffen Kopetzky hat selbst Propaganda geschrieben, hat den Weltkrieg zum Sandkastenspiel geschrumpft. Dieser Kopetzky-Krieg ist blutig, aber irgendwie noch aus echtem Schrot und Korn, irgendwie nett, schwitzig, Männersache. Was der Krieg in diesem Roman nie ist: kaltes, maschinelles Töten, eine wirklich monströse Handlung. Remarque hat das begriffen. Schlagen wir bei ihm nach.

Propaganda

von Steffen Kopetzky
Seitenzahl:
496 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt Verlag
Bestellnummer:
978-3-7371-0064-9
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.08.2019 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Andrea David, Drehort und Filmszene aus "Kurz und schmerzlos" von Fatih Akın 1998 © Andrea David, "Kurz und schmerzlos" Fatih Akın 1998/Altonaer Museum

"Close Up": Neue Ausstellung zur Filmgeschichte Hamburgs

Die Sonderausstellung im Altonaer Museum stellt die Besonderheiten der Hamburger Filmgeschichte bis heute dar. mehr