Stand: 30.07.2020 08:38 Uhr  - NDR Kultur

Dany Laferrières skurriler Roman über Identität

Ich bin ein japanischer Schriftsteller
von Dany Lafferière , aus dem Französischen von Beate Thill
Vorgestellt von Tobias Wenzel
Dany Lafferière setzt sich in seinem neuen Roman spielerisch und ernst mit der Identitätsfrage auseinander.

Dany Laferrière lebt schon seit 1976 in Montreal, seit ein befreundeter Journalistenkollege in Port-au-Prince ermordet wurde und Laferrière Haiti fluchtartig verließ. Längst hat Laferrière die kanadische Staatsbürgerschaft, wurde erst in Montreal zum Schriftsteller, wird aber immer wieder "haitianischer Schriftsteller" genannt. Das und vor allem eine Diskussion über Identität unter karibischen Schriftstellern hat Dany Laferrière dazu veranlasst, zugleich spielerisch und ernst mit der Frage nach der Identität umzugehen, nämlich in seinem Roman "Ich bin ein japanischer Schriftsteller". Der ist nun auf Deutsch erschienen.

"Ich kenne Ihre Hörer nicht. Wie soll ich denn da ehrlich sein?", sagt Dany Laferrière auf die Frage, ob er beim Interview über seinen Roman "Ich bin ein japanischer Schriftsteller" flunkere. Der Ich-Erzähler dieses Buchs  kann nicht mal bei sich selbst unterscheiden, was wahr und was falsch ist.

Ein Autor haitianischer Herkunft aus Montreal

Er lebt, wie Laferrière, in Montreal. Jedenfalls mit dem Körper. Im Geist wandert er mit Matsuo Bashō, einem Dichter aus dem 17. Jahrhundert, durch Japan. Der Ich-Erzähler, auch er Autor haitianischer Herkunft, hat einen Vorschuss für ein Buch bekommen, von dem bisher nur der Titel existiert: "Ich bin ein japanischer Schriftsteller". Die Nachricht vom geplanten Buch wird, übermittelt durch den Mitarbeiter des japanischen Konsulats in Montreal, zum Politikum in Japan: Darf jemand, der Japan nur aus der Literatur kennt und auch noch schwarz ist, ein Buch mit diesem Titel schreiben? Japanische Nationalisten empören sich; ein japanischer Autor zeigt dagegen Solidarität durch sein Buch "Ich bin ein madegassischer Schriftsteller".

Dany Laferrière selbst ist davon genervt, wenn man ihn einen haitianischen Schriftsteller nennt: "Ich radiere meine Herkunft nicht aus. Ich habe viel über Haiti geschrieben. Aber ich schreibe nicht mit Haiti, sondern mit Sätzen, mit Adverbien, mit Adjektiven. Ich verstehe also nicht, warum man mich einen 'haitianischen Schriftsteller' nennt. Wer das tut, befördert mich an einen Ort, den er sich als kolonisiert vorstellt."

Wunderbar skurriles Buch

Laferrières sehr schön von Beate Thill übersetzter Roman, im Original bereits 2008 erschienen, ist ein wunderbar skurriles Buch über die Identitätsfrage. Meist amüsiert sich der Leser, aber hier und da bleibt ihm auch das Lachen im Halse stecken. Wenn etwa kanadische Polizisten den schwarzen Ich-Erzähler für einen Drogendealer halten und ihn demütigen - das ist Racial Profiling der übelsten Art. Da fragt man sich als Leser unweigerlich, ob so etwas auch Dany Laferrière passiert ist.

Mir? Nein. Ich schreibe, um nicht 'ich' zu sagen. Wenn ich schreibe, schildere ich die größtmögliche Menge wahrer Tatsachen, um mir so ein falsches Gesamtbild zu erlauben. Das habe ich gelernt, als ich klein war. Ich habe gelogen, aber meine Mutter ist immer dahinter gekommen. Da hat mir ein Freund den Tipp gegeben: "Man muss die ganze Wahrheit sagen, abgesehen vom Wesentlichen." Genau das heißt es zu schreiben: die ganze Wahrheit sagen abgesehen vom Wesentlichen. Romanzitat

Ich-Erzähler wird berühmt in Japan

Erst versucht der Ich-Erzähler des Romans noch, aktiv eine japanische Erfahrung in Montreal zu machen, indem er sich einer japanischen Sängerin und deren Clique anschließt. Das alles endet im Wirrwarr, mit Sex in der Badewanne und einem Selbstmord. Bald ist der Ich-Erzähler allerdings durch sein ungeschriebenes Buch derart berühmt in Japan, dass die japanische Erfahrung ihn aufsucht. Menschen rufen ihn aus Tokio an und schweigen, wenn er den Hörer abnimmt. Er fühlt sich verfolgt.

Ich bin aus dem Zimmer ausgezogen, nachdem ein japanischer Tourist mit einem Magazin in der Hand und einer Kamera um den Hals an meine Tür geklopft hatte. "Guten Tag", sagte er mit breitem Lächeln. "Sie wünschen?" "Sind Sie der japanische Schriftsteller?" "Nein", antwortete ich und schlug die Tür zu. Romanzitat

"Ich bin ein japanischer Schriftsteller" ist ein witziger und gewitzter Roman darüber, wer wir sind, sein wollen und sein dürfen.

Ich bin ein japanischer Schriftsteller

von
Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Wunderhorn
Bestellnummer:
978-3-88423-628-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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