Stand: 18.08.2019 12:40 Uhr

Was es heißt, als Mann durchs Leben zu gehen

Unverschämtes Glück
von Jamel  Brinkley, Aus dem Englischen von Uda Strätling
Vorgestellt von Maria Schoeß
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Ein Buch, das anhand der Geschichten diverser Protagonisten in den USA von heute zeigt, was es heißt, ein Mann zu sein.

Fast ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt dieser Erzählband: So oft war in den vergangenen Monaten von der weiblichen Perspektive die Rede, von deren Unterdrückung und Entdeckung, dass es schon bemerkenswert erscheint, wenn ein Buch ganz auf männliche Figuren und deren Identitätssuche setzt. Genau das wagt der US-amerikanische Autor Jamel Brinkley in seinem Debüt. "Unverschämtes Glück" heißt der Erzählband, es ist ein Streifzug durch die USA und durch die Köpfe von zumeist schwarzen Jungen, jungen und älteren Männern.

Jamel Brinkley könnte es sich leicht machen: Er könnte sich ganz auf die Charaktere verlassen, die einen Leser sofort für sich einnehmen. Diese beiden Brüder zum Beispiel.

Eine Mütze wird zum Helm

Verloren streifen sie durch New York. Der Große ist mit Mütze auf dem Kopf und Wut in der Faust unterwegs. Wenige Schritte hinter ihm trödelt der kleine Bruder. Elf Jahre alt, Maske über dem Gesicht, eine Hand ins Leere gestreckt - so sieht es von außen aus. In Wahrheit aber hält er sich an der Freundin fest. Sie ist die unsichtbare Verbündete, so wie die Mütze eigentlich Helm ist, ein Schutzschild, wenn schon der Vater abhanden gekommen und die Mutter keine Hilfe ist. Die Brüder, so zornig, so hart sie auch sein mögen, verlieren nie die Sympathie des Lesers.                                 

Ich schmorte unter meiner Mütze, und er trug (…) seine dicke Maske. Damit hatte er angefangen, als Mike bei uns auftauchte. (…) Als sie uns das erste Mal aus der Wohnung geschickt hatte, im Juni, war Mike zur verabredeten Zeit unserer Heimkehr noch nicht weg. Sie waren bei ihr im Zimmer. Wir hörten gedämpft einen schmalzigen alten Song spielen, und dazu andere Geräusche (…) Als Mike endlich ging, sich davonstahl wie ein Dieb, wirkte Ma verlegen. Sie entschuldigte sich (…), aber vergeblich. Ehe der Abend um war, hatte Omari sein Gesicht hinter der Maske versteckt.       Leseprobe

Aber: So leicht wie in dieser Geschichte macht es Brinkley seinen Lesern nicht oft, und darin liegt die Wucht des Erzählbandes. Denn immer wieder übernehmen männliche Stimmen, auf deren Seite man sich nur ungern schlägt.

Verständnis für einen "Checker"?

Wer sucht schon die Nähe zu College-Jungs, die sich an Frauen heranpirschen und ihre Körper Stück für Stück abchecken? Wer bittet darum, Mitleid mit dem Mann zu haben, der unbekannte Frauen in der U-Bahn fotografiert? Ein Leser, eine Leserin wird die Komplizenschaft mit diesen Figuren nicht immer genießen, aber gerade das Unangenehme, Schamhafte gehört unbedingt hinein in ein Buch, das danach fragt, was es heute heißt, als Vater, Sohn, Bruder, kurz: als Mann durchs Leben zu gehen.

"Wie Mann sein, Vater, Sohn, Bruder? Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß nicht, warum mich diese Frage so umtreibt. Wahrscheinlich kommt das aus der Biografie: Ich bin Bruder, Sohn, es gab Vaterfiguren in meinem Leben. Letztendlich interessiert mich aber die Frage nach der Verantwortung. Ich glaube, es existiert ein bestimmtes, oft zerstörerisches Bild der Männlichkeit. Was tust du also, um dem zu widerstehen? Kannst du das überhaupt - und zu welchem Preis?", fragt sich der Autor Jamel Brinkley.

Freddy mit den Superkräften

Die Frage nach Verantwortung richtet Brinkley schon an seine jungen Helden. Natürlich öffnet man sich gleich, wenn Freddys Geschichte beginnt. Ein kleiner Junge aus der Bronx ist das, zu dessen Superkraft es gehört, sich in einen Roboter verwandeln zu können. Aber so schnell einen Brinkley den Schmerz des Jungen und dessen Heilmittel, die Fantasie, verstehen lässt, so klar ist die Kehrseite:                     

Im Durchlass hinter dem Spirituosenladen kam ihm eine schlurfende Obdachlose mit Einkaufswagen in die Quere. Er schloss die Augen und ballte die metallenen Fäuste, als er mit ihr zusammenstieß. Ihr Mief platzte wie eine Bombe, konnte ihm aber nichts anhaben.

Das Verletzende dieser Szene hallt nach, auch wenn sie sofort vorbeizieht und anderes im Vordergrund steht: die Sehnsucht des schwarzen Jungen, in ein anderes Leben einzutauchen. In ein Haus mit Pool, Steaks und einer weißen Mutter am Herd. Brinkley findet für diese wie für die anderen Figuren immer die passende Sprache: Er verschluckt mit dem Erwachsenen Gefühle, treibt dem 17-Jährigen das Stürmische, Überdrehte in den Satzbau, scheut kein Pathos, keine Drastik, wenn der Charakter es fordert. Und er lässt uns, vielleicht am Eindrucksvollsten, die Scham dieses Mannes hören, der früher unverschämtes Glück hatte und nun Tag für Tag die Luft anhält. Er hält die Luft an und zieht den wachsenden Hängebauch ein, damit die Welt unberührt bleibt von seinem schwindenden Glück.

Unverschämtes Glück

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kein & Aber Verlag
Bestellnummer:
978-3-0369-5816-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.08.2019 | 12:40 Uhr